Logbuch

 

 

 

1. August 2016

Wir fahren nach zwei Tagen in Rostock weiter zum Ostseebad Kühlungsborn. Im Gegensatz zu Heiligendamm floriert hier der Badetourismus. Hotels aller Preisklassen reihen sich aneinander. Direkt davor der schöne Strand. So hatte sich Thesi das vorgestellt!

 

An prominenter Stelle an der Strandpromenade plötzlich dieser hässliche Turm, ein  Relikt aus der DDR-Zeit. Im damaligen Sprachgebrauch ein „Grenzturm Typ BT-11. Grenztruppen suchten mit ihren Suchscheinwerfern die Ostsee nach Republik-Flüchtlingen ab. Von hier aus war die Küste Westdeutschlands nur etwa 45 Kilometer entfernt

 

Trotz hochgerüstetem Grenzschutz-System gelangen immer wieder teils abenteuerliche Fluchten. Ein Rostocker Arzt schwamm die 45 Kilometer nach zweijährigem Training. Mancher verschätze sich aber und wurde gefasst.

 

 

2. August 2016

Wir sind in Wismar eingetroffen. Und für einmal fällt es mir leicht, sarkastische Kommentare zu unterdrücken. Wismar hat 2002 das Prädikat als UNESCO-Welterbe erhalten. Am wahrscheinlich schönsten Marktplatz Norddeutschlands kriegen wir ein Hotelzimmer mit freier Sicht auf die schönen Häuser mit Namen wie dem „Alten Schweden“ und dem bunten Markttreiben. Unschwer zu erraten, dass Wismar einmal von den Schweden regiert wurde.

 

 

Marktplatz in Wismar

 

Kein Scherz, die Strasse heisst wirklich so

 

Das waren noch Zeiten damals

 

Wir lassen es uns nicht nehmen und machen auf dem Heimweg noch einmal halt in Schwerin, unserer Lieblings-Stadt in Mecklenburg-Vorpommer oder Meckpomm, wie man hier sagt. Hier duftet es nach Süden, Helligkeit, Leichtigkeit. Man flaniert in den schönen Strassen, bestaunt Jugendstilfassaden, macht halt in einer Suppen-Bar. Für einmal kein Schweineschnitzel, kein Rippenbraten und keine Bockwurscht! Dafür Weltläufigkeit, obwohl „nur“ 90'000 Menschen hier wohnen.

 

 

Ein Hauch von Paris weht durch Schwerins Strassen

 


 

 

8. August 2016

Wir verholen VERANDEREN frühmorgens an die Innenseite des neuen Wellenbrechers im Stadthafen Waren, bevor das grosse Gnusch beginnt, weil wir am nächsten Morgen früh wegfahren wollen. Die Ruhe da vorne tut gut nach den langen Wochen vorne am Quai. Nächtelanges Feiern ist definitiv nicht (mehr) unser Ding.

 

Frühmorgens laufen wir aus dem Hafen aus.

 

 

9. August 2016

Die Stadt schläft noch, der böenartige Wind vom Vortag hat sich ausgeblasen, das Wasser der Müritz liegt ruhig vor uns. Wir haben eine fünfstündige Fahrt vor uns mit nur einer Schleuse in Mirow. Sollte problemlos gehen heute. Wir wissen allerdings nicht, ob viele Schiffe an der Schleuse warten und stellen uns auf lange Wartezeiten ein. Zu unserer Überraschung können wir schnell schleusen und drehen über Backbord zur Schlossinsel. Den Liegeplatz dort haben wir vor Tagen reserviert, bloss ist er jetzt besetzt mit Schiffen, die noch nicht weggefahren sind. Jetzt heisst es die Nerven behalten. Der Wind treibt seine Spielchen mit uns. Endlich wird unser Steg frei. Wir brauchen drei Anläufe, bis wir auch den Wind überlistet haben und am Steg anlegen können. Dort steht eine halbe Hundertschaft Experten, die Thesi jetzt mit Hilfeleistungen und Tipps helfen wollen. Ihr wisst ja- die besten Kapitäne stehen immer an der Kade.

 

Nach langen Fahrtagen sind wir froh um unser Nestchen in der Achterkabine

 

11. August 2016

Wir haben eine schwierige Fahrt hinter uns. Aus zwei Gründen schwierig, vielleicht aus drei Gründen. Der erste ist sicher die Strecke an sich von Mirow nach Priepert. Drei Schleusen, zwei davon mit einer Breite von 5,3 Meter und eine von 5,1 Meter. Das ist für unser 4,85 Meter breites Schiff grenzwertig. Wir fahren das ohne irgendwelchen Schutz für den Bug. Der zweite Grund ist schlicht die Tatsache, dass wir mitten in der Ferienzeit sind. Das Revier wird überschwemmt mit Charterbooten aller Couleur, Flossen, Camperfahrzeugen, Paddler, Kanuten, schlicht mit allem, was irgendwie schwimmt. Der dritte Grund- es war nicht mein bester Fahrtag. Die Scheuerleiste ist Beweis dafür... wir fahren seit gestern mit einem Reibholz weniger, das wir an einer Wand abgerissen haben. Verkraftbar, macht aber schlechte Laune. Zu allem Überfluss müssen wir den reservierten und bezogenen Liegeplatz im Hafen Priepert wechseln an einen Aussensteg, den starken Böen voll ausgesetzt. Vom Winde verweht, vier Anläufe bis es klappt. rankommen ist eine Sache, festmachen am Schwimmsteg ohne ihn zu beschädigen mit unseren 84 Tonnen, ist die andere. Zum vergessen! Noch anmelden beim Hafenmeister, Stromkabel anschliessen, etwas essen und ab zur Siesta. Morgen sieht die Welt ganz anders aus.

 

 

14. August 2016

Früh aufstehen!  Wir liegen immer noch mitten im Charterboot-Gebiet. Weil die Leute auf diesen Schiffen Urlaub machen und deshalb meist erst um halb elf losfahren, starten wir schon um sieben. Mit gutem Frühstück im Magen und gut vorbereitet. Wider Erwarten sind die Warteplätze vor den beiden Schleusen „Steinhavel“ (5,3 Meter breit) und „Fürstenberg“ (5,3 Meter breit) frei. In Steinhavel steht ein missmutiger Schleusenwärter, der offensichtlich seinen Traumjob noch nicht gefunden hat, in Fürstenberg bedienen wir die Schleuse selber. Das heisst: wir ziehen die dafür montierte grüne Stange (die rote wäre die „Notfallstange“) und ab jetzt läuft alles automatisch ab. Auf der digitalen Anzeigetafel können wir die Schleusung mitverfolgen und werden am Schluss zur Ausfahrt aufgefordert. Wir erreichen das „Bootshaus Stolpsee in Himmelpfort“ gerade rechtzeitig um halb elf, bevor der Wind stärker wird und das Anlegemanöver hier schwierig macht. Heftige Böen fegen jetzt über den Steg, der genau zur Windrichtung West / Südwest steht und die Schiffe gegen den Steg drückt. Wohltuend freundlicher Empfang durch Hafenmeister Thomas wie schon beim ersten Besuch im Mai, ein schöner Platz, den wir sehr gern haben. Und erst noch mit einem Restaurant gleich daneben, das eine gute Fischkücke anbietet. Wir haben das Gefühl, dass wir bezüglich der Mietboot-Orgie in der Müritz das gröbste hinter uns haben.

 

Der Himmel brennt über dem Stolpsee bei Himmelpfort

 

 

15. August 2016

Über den Stolpsee fegt meistens ein steifer West-Südwestwind. Der Steg am Bootshaus Himmelpfort ist dem voll ausgesetzt. Ein Wegfahren gegen den Wind, vor allem wenn man das rückwärts machen muss, kann schwierig werden. Frühmorgens beruhigt sich das Wasser aber fast immer. Logisch, dass wir um sieben bereits wegfahren. Auch weil wir wissen, dass wir einen anstrengenden Achtstunden-Tag vor uns haben. Die Havel hat hier oben noch weitgehend ihren natürlichen Lauf und der verläuft stark mäandrierend. Eine 180 Grad-Kurve nach der anderen, das will gar nicht mehr aufhören. Verlangt von uns beiden ständig volle Konzentration und so können wir die schöne Flusslandschaft eigentlich erst kurz vor der Einmündung der Templiner-Gewässer, wo das Wasser breiter wird, geniessen. VERANDEREN fährt hier zwischen Seerosen-Teppichen, Fischreiher stehen bockstill wie Statuen am Ufer und eine Rauchschwalbe hockt sich immer wieder auf den Rand des Beibootes. Schade, dass unter dem Steuerhaus der Motor brummt. Ich beneide kurz die Kanuten, die so lautlos dem Ufer entlang gleiten. Um 15.45 Uhr laufen wir in den neuen Hafen am Ziegeleipark Mildenberg ein. Ungewohnt viel Platz zum Drehen, kaum Schiffe, ein Kontrastprogramm zur fiebrigen Ferienatmosphäre in Waren.

 

Vollmondnacht in Mildenberg

 

 

16. August 2016

Je näher wir der Einmündung des Vosskanals (der Fortsetzung der Havel) in den Oder-Havel-Kanal kommen, desto einfacher wird das Fahren. Wenig Verkehr, breit genug, easy. Plötzlich tönt es vom steuerbordseitigen Ufer mehrmals hintereinander „geile Karre, geile Karre!“ Ein Schiffer, dem unsere VERANDEREN sichtlich gefällt, springt wie von der Tarantel gestochen auf und ab und will sich gar nicht mehr beruhigen. Wir freuen uns über das rustikale Kompliment, er winkt noch lange nach, „geile Karre“ ist zum geflügelten Wort geworden auf unserem Schiff. Jedenfalls immer dann, wenn alles läuft, nichts defekt ist und es nirgendwo komisch tönt oder riecht.

 

 

25. August 2016

Heisse 30 Grad. Wir haben uns wieder einmal die angenehmsten Tage ausgesucht, um die Scheuerleisten und diverse kleine Schadstellen zu malen. Malen ginge ja noch, gehört schliesslich zu meinen Kernkompetenzen. Vorher muss aber geputzt, geschliffen, wieder geputzt werden. Und bitte ja nicht ohne Gummihandschuhe! Die Zweikomponentenfarbe kriegt man kaum mehr von den Händen. Der Schweiss rinnt übers Gesicht, die Sonne blendet, das Beiboot, in dem ich für diese Arbeiten stehe, wackelt ständig. So macht es mässig Spass.

 

 

29. August 2016

Vor einer Woche hatten uns Willi und Dagmar Westphal hier in Oranienburg besucht. Ein Schiffsnachbar hatte den beiden von unserem Schiff erzählt und das wollten sie sich ansehen. Die beiden sind Berufsschiffer auf ihrer 80-Meter langen THERESE, die in Berlin-Spandau Pause machte. Jetzt nahmen wir die Einladung zum Gegenbesuch freudig an. Schliesslich kann man nicht oft ein so grosses Teil besuchen.

Faszinierend andere Welt, die sich da auftut! Erst mal sind 80 Meter ganz schön lang. THERESE hat zwei Laderäume und kann 1107 Tonnen transportieren. Näher Interessierte finden Infos auf www.westphal-schiffahrt.de

Was vielerorts noch immer Thema von heissen Diskussionen sein mag, ist bei Westphals längst Realität. Beide fahren, beide putzen nicht wenig, beide machen Unterhaltsarbeit, beide malen. Die THERESE sieht blitzsauber aus und wer öfters Maschinenräume gesehen hat, der staunt hier nur noch. Alles an seinem Platz, kein Öl an allen möglichen Teilen, selbst die Putzlappen liegen schön gefaltet und aufgereiht an ihrem Platz. Wir plaudern zwei, drei Stunden über dies und das, erfahren von den zunehmend einschränkenden Vorschriften und Schwierigkeiten, die ihnen das Leben verkomplizieren. Am nächsten Morgen werden sie Richtung Magdeburg ablegen und am Donnerstagmorgen Getreide bunkern, das ins Ruhrgebiet gefahren wird. Manche Frage fällt uns erst nachträglich ein, wird vielleicht bei einem nächsten Mal gestellt werden können. Willi ist Schiffer in der vierten Generation, Dagmar ist ebenfalls ein Schifferkind. Das erklärt vielleicht vieles. Es gibt nämlich bequemere Jobs! Aber ein Stichwort hat uns Dagmar gegeben zum besseren Verständnis- Freiheit, meinte sie, das würden sie halt schon brauchen.

 


Klein-Thesi auf der Gross-THERESE in Berlin Spandau

 

Die 60-jährige DEUTZ Maschine vom Deck aus gesehen. Man könnte wohl Frühstück essen darauf, ohne sich zu bekleckern

 

1.September 2016

Schon seit zwei Wintern hatten wir einen zwar minimen, nichtsdestotrotz lästigen Wasserverlust bemerkt in unserem Heizsystem (wir verfügen über eine Zentralheizung wie in einem Haus). Das führte dazu, dass im Winter während unserer Abwesenheit zwei- bis dreimal Wasser nachgefüllt werden musste. Zur Erklärung: die Heizung schaltet im Winter bei 7 Grad ein. Nur- wohin versickerte das Wasser? War der Kessel undicht? Der Heizungsinstallateur in Groningen konnte nichts finden. In Berlin, respektive im Internet, fand ich dann DIE Adresse. Eine auf die Suche nach Wasserverlusten spezialisierte Firma. Arbeitet mit allen möglichen Methoden, Kameras, Druck, Gas etc. Auch hinter Wänden selbstverständlich. Die können das finden, dachte ich. Das Ding mit dem Gas wollte er erst gar nicht auspacken, das sehe alles supergut aus, meinte er. Er stelle dann nur die Fahrspesen von Berlin nach Oranienburg und zurück in Rechnung....

Im April dieses Jahres kommen wir aus unserer Winterzeit zu Hause zurück aufs Schiff und siehe da: Kollege Zufall hilft weiter. Auf dem Deckel eines kleinen Fasses, das im Motorraum steht, finde ich eine gallert-artige Masse. Kein Öl, kein Wasser, schmeckt aber süsslich auf der Zunge. Auf der Werft in Groningen hatte ich gelernt, dass Frostschutz einen süsslichen Geschmack hat. Und genau über dieser Stelle sind zwei Heizungs-Verbundrohre durch den Boden geführt! Und wir haben Frostschutz im Heizsystem! Auf dem folgenden Foto liegt der Hund begraben. Mittlerweile hat der Installateur hier neue Verbundrohre eingesetzt und abgepresst. In wenigen Wochen wird sich zeigen, ob’s das war. Und in der ganzen Zeit schwirrte das Lied „Ja ich bin Klempner von Beruf!“ von Reinhard Mey im Kopf rum.

 

Kleine Ursache, grosse Wirkung

 

 

7. September 2016

Endlich wieder auf grosser Fahrt. Aus den geplanten zwei Wochen Pause in Oranienburg sind drei geworden. Weil der Scheibenwischermotor keine Lust mehr hatte, liess ich einen neuen bestellen, der nach den ersten drei versprochenen Tagen falsch geliefert wurde und die Nachlieferung dann beim Paketzusteller im Lager verschollen war. Sie kennen das: da stürmt einer atemlos herein, an seinem Käppi und dem Gwändli unzweifelhaft als Paketzusteller zu erkennen, will nichts als möglichst schnell ein Kreuzchen auf seinem Elektronik-Gerät und wieder verschwinden. Und weil meistens deutsche Spraak nicht unbedingt seine Spraak ist, gerät halt dann einiges durcheinander oder geht schlicht zurück ins Lager.

 

Beste Bedingungen bei Eberswalde

 

Nach einer ersten Tagesfahrt auf dem Oder-Havel Kanal sind wir glücklich im Hafen Marienwerder angekommen. Wir bewegen uns in einem Berufsschiff-Revier und es gibt kaum vernünftige Liegeplätze. Der Hafenmeister hier hat ein Einsehen und parkiert extra für uns eine Yacht um. Zur Erklärung: Marienwerder ist ein typischer Yachthafen, gebaut für Schiffe bis 15 Meter Länge. Wir stossen aber 25 Meter durch die Gegend, entsprechend tricky ist das Manöver, bis VERANDEREN an der Kade liegt. Stolz und, wir geben das gerne zu, verschwitzt machen wir fest und marschieren ab zum verdienten Feierabendbier. Dass wir da auch wieder irgendwie raus müssen aus der Engnis, verdrängen wir für den Moment. Den Plan dafür werde ich mir heute Nacht zurecht legen.

 

Zuhinterst und dazwischen irgendwie im Yachthafen Marienwerder

 

 

9. September 2016

Heute zuerst die erwähnte tricky enge Ausfahrt zwischen den Yachten durch vom Liegeplatz Marienwerder. Alles geht gut. Kurz vorher schnauft ein Schubverband Richtung Niederfinow. Wir merken, was das Fahren eines solchen Verbandes bedeutet. Weil der Kanal relativ eng und nicht sehr tief ist, muss der Schiffsführer ständig hin- und her korrigieren, wo wir mit null Aufwand geradeaus fahren können. In den Kanalbiegungen fährt er noch 5 km/h, damit er rumkommt, mühsam auch für uns. In Eberswalde dann die Erlösung. Der Kanal wird sehr breit und wir setzen zum Überholen an, was mit dem Schiff ein etwas längeres Manöver ist als mit dem Auto. Zu schnell darf ich nicht sein, zu nahe auch nicht, weil sich Schiffe beim Vorbeifahren ansaugen. Bald schon sehen wir das mit Spannung erwartete zweitgrösste Schiffshebewerk der Welt in Niederfinow. Ein riesiger Stahlkoloss, nicht unähnlich dem Eiffelturm in Paris (na ja, schon beträchtlich weniger hoch, nämlich 60 Meter). Wir können ohne Verzögerung zusammen mit einem Fahrgastschiff und unzähligen Kanuten in die „Wanne“ einfahren, die uns dann in fünf Minuten 36 Meter absenkt auf das untere Niveau. Gebaut wurde das Hebewerk von 1927 bis 1934 aus 13'800 Tonnen Stahl. Die Troglänge beträgt 82 Meter, die Tauchtiefe 2 Meter und das ganze wird an 256 Stahlseilen mit gerade mal vier Elektromotoren betrieben. Und das funktioniert immer noch tadellos. Gleich daneben wird ein neues Hebewerk gebaut, das dann im Jahre 2019 in Betrieb gehen und den neuen Grossmotorgüterschiffen gerecht werden soll.

 

Unser Puls schlägt etwas höher bei der Anfahrt zum Schiffshebewerk Niederfinow

 

Kunst oder nicht? Ingenieurskunst auf jeden Fall

 

In nur fünf Minuten sind wir 36 Meter abgesenkt worden

Unten angekommen tut sich eine neue Welt auf. Wir fahren jetzt auf einem natürlich wirkenden breiten, wildromantischen Wasser der Schleuse Hohensaaten entgegen. Hübsche, sympathische Wochenendhäuschen hie und da am linken Ufer, fast kein Schiffsverkehr, spiegelglattes Wasser, so macht es Spass! Oderberg, unser nächster Liegeplatz erwartet uns (wir haben uns vorher telefonisch angemeldet), langer Steg etwas abseits der Marina, hübsches Beizchen, Ruhe, Herz, was willst du mehr. Erst mal ein erfrischendes Bad (füdleblutt, wies es immer noch Sitte ist in der ex-DDR!) und dann ab zum kühlen Bier.

 

 

Er arbeitet, wir geniessen

 

10. September 2016

Erster Morgennebel über dem Wasser. Die Sonne schafft es erst gegen neun Uhr, dann aber umso schöner und romantischer. Die Westschleuse Hohensaaten ist eine unproblematische Pflichtübung. Wir schleusen alleine und tuckern gemächlich Richtung Norden. Mal natürliche, schöne Uferlandschaft mit weidenden Schafen, mal papierfabrikmässig. Nach Friedrichsthal mündet der Hohensaaten-Friedrichsthaler-Kanal in die breite West-Oder. Wir sind mutterseelenallein unterwegs auf diesem herrlichen Wasser. Die Sonne steht um diese Jahreszeit schon tief, es ist aber immer noch sommerheiss. Wir haben lange nach Liegeplätzen Ausschau gehalten und dann spekuliert, dass es in Gartz funktionieren könnte.

 

Die West-Oder ist auch Landesgrenze zu Polen. Die Brücke bei Gartz wurde im April 1945 auf dem Rückzug von der Wehrmacht gesprengt und nie mehr wieder aufgebaut

 

Wir sind nicht in der Provence gelandet, sondern im Grenzstädtchen Gartz

 

Wir haben Glück! Lange, lange Kade (hier nennen sie das „Bollwerk“) und gleich bei unserem Liegeplatz die Eisdiele des Hafenmeisterpaares. Schöner Empfang durch die beiden. Etwas heruntergekommene Häuschen nicht unähnlich der Toscana oder Südfrankreich bevor die Bleichgesichter einfielen. Abends trifft sich die Dorfbevölkerung zum Eisessen und Tratschen hier. Um neun wird es schlagartig ganz still, die Welt geht schlafen.

 

 

In den Karten als Liegeplatz eingezeichnet. Hat aber schon bessere Zeiten gesehen

 

Wenig Verkehr und wenn, dann sind es polnische Schiffe, die Kohle für die deutschen Kraftwerke transportieren

 

Fischer mögen’s bequem

 

 

11. September 2016

Das Geschrei der Kraniche weckt uns früh am Morgen. Die Vögel besammeln sich hier, um die Fettreserven noch einmal richtig aufzufüllen, bevor sie den langen Weg in den Süden antreten. Vor uns liegen noch dreieinviertel Stunden ruhige Fahrt, dann empfängt uns die quirlige Stadt Stettin. Wir sind in Polen, plötzlich wird es sprachlich schwierig. Um die Hafengebühren bezahlen zu können, müssen wir erst mal polnische Zloty wechseln. Kaum auf dem Schiff zurück, kriegen wir Besuch von Matz und Hansruedi, der Crew der MS MIZAR. Bei einem Bier tauschen wir Erfahrungen aus, holen Informationen über unseren geplanten Wasserweg ein. Es wird endlich etwas kühler, am Quai geniessen die Leute den Altweibersommer.

 

VERANDEREN liegt im Stettiner Stadthafen

 

Stettin by night

 

Der Stettiner Hafen ist Seehafen. Entsprechend viele AIS-Signale zeigen sich in einem Umkreis von zwei Kilometern auf unserem Bildschirm. Jedes Dreieck ist ein Schiff im Umkreis von 2 Kilometern. Das erlaubt es uns, Schiffsart, Name, Geschwindigkeit etc. dieser Schiffe zu sehen

 

 

 

 

 

13. September 2016

Der Lebensmitteleinkauf im „Netto“ Stettin lässt uns nachdenklich werden. Im „Supermarkt“ liegt teils angefaultes Gemüse und bei den Früchten sieht es genauso schlecht aus. Die Kunden begrapschen alles, nehmen die Packungen auseinander und picken das nicht Angefaulte oder Überreife heraus. Jetzt merken wir, dass wir in Polen sind, kaufen nur das Allernötigste und sind froh, über genügend Vorräte auf dem Schiff zu verfügen. Die Stadt wirkt ungepflegt, die Strassenbeläge und Trottoirs sind stark beschädigt. Der neu gemachte Stadthafen mit seinen langen Quais ist aber chic gemacht, hier tummeln sich die gut angezogenen jungen Stettiner und frequentieren die neuen Restaurants. Mit dem Hafenmeister machen wir’s eher so mit Handzeichen und wenigen Brocken Deutsch. Englisch nützt gar nichts, auch die Hinweisschilder sind alle nur in Polnisch beschriftet.

 

Besuch bei auf der MS MIZAR bei Matz und Hansruedi, die zeitgleich mit uns in Stettin Pause machen

 

 

14. September 2016

Wir laufen frühzeitig aus dem Stettiner Hafen aus. Vorbei an wenigen Seeschiffen, die aus der Ostsee bis hierher fahren. Erstaunlich wenig Betrieb, unterwegs begegnen uns nur zwei, drei Schubverbände, die mit Kohle beladen sind. Unser Tagesziel ist der kleine Ort Trzebiez, der vor dem Krieg Ziegenort hiess. Wir fahren jetzt in einem Seeschiffahrts-Revier, hier gelten Vorschriften und Regeln wie auf offener See. In Trzebiez (spricht sich in etwa als Tschebesch aus) können wir unsere Dieseltanks füllen. Das sind heuer doch 1900 Liter. Unterwegs sind oft über lange Strecken keine für unsere Verhältnisse geeigneten Bunkerstationen vorhanden. Am Abend geraten wir in einen ziemlichen Menschenauflauf vor der Dorfkirche, drinnen läuft ein Gottesdienst. Manche haben keinen Platz mehr gefunden und stehen, resp. knien vor der Kirche. Es dauert geraume Zeit, bis wir merken, dass das ein Gedenkgottesdienst ist zur Erinnerung an den Tag, als Ziegenort polnisches Staatsgebiet wurde. Es riecht stark nach Weihrauch, mehrere Hochwürden wieseln in ihren schwarzen Talaren herum. Am Schluss zieht die Fahnendelegation der polnischen Armee und eine, von der wir vermuten, dass es eine Fischerzunft sein muss (erkennbar an gelbem Ölzeug), feierlich aus der Kirche aus. Sehr katholisch, sehr festlich herausgeputzt. Wer Lackschuhe hat und glänzende Blusen, hat die heute montiert.

 

Speisekarte im Dorfbeizchen von Trzebiez. Die Karte sieht eher gefährlich aus. Wir haben aber gut gegessen. Meine Fischsuppe kostete 10 Zlotys ( 2.50 Franken), das Schnitzel mit Pommes und Krautsalat für Thesi 20 Zlotys (5 Franken)...

 

Die Fahrt über das Haff erfordert Aufmerksamkeit, weil ausserhalb des Fahrwassers viele Stellnetze im Wasser stehen, die man nicht immer gut sieht

 

 

15. September 2016

Die Fahrt führt uns weiter durch das grosse und kleine Haff, das man sich am besten als grosses Binnenmeer (rund sechs Mal so gross wie die Müritz) vorstellt, wieder über die Staatsgrenze nach Deutschland. Am frühen Nachmittag laufen wir in den Stadthafen Ueckermünde ein. Kaum angekommen, kriegen wir Besuch der Wasserschutzpolizei. Wir hätten uns beim Grenzübertritt am Meldepunkt nicht bei der Revierzentrale „Wolgast Traffic“ angemeldet. Nun finden wir aber auf unseren guten Binnenkarten keinen Hinweis, der uns das vorschreibt. Der sehr eifrige junge Polizist konstatiert jetzt, dass wir nicht über Seekarten, sondern über Binnenkarten verfügen. Jetzt folgt eine länger dauernde Befragung und diverse Rückrufe per Handy. „Was habt ihr für Fahrausweise, was für Funkzeugnisse“. Die Sache wird immer komplizierter, zieht sich in die Länge. Am Schluss bezahlen wir eine Busse von 35 Euro, haben aber auch gelernt, dass Schiffe über 20 Meter Länge in Deutschland in Gebieten mit Seeschiffahrts-Ordnung verpflichtet sind, sich an bestimmten Punkten per Funk anzumelden. Das tönt dann in etwas so:

 

Wolgast Traffic für VERANDEREN, bitte kommen.

Wolgast für VERANDEREN, verstanden.

Unsere Position ist der Stadthafen Ueckermünde, wir wollen auslaufen mit Bestimmung

Anklam.

Ich muss noch einfügen, dass wir beim ersten Funkkontakt mitgeteilt haben:

Schiffsname

Schiffsart

Europa - oder IMO-Nummer

Nationalität

Anzahl Personen auf dem Schiff

Eigner oder Reederei

MMSI-Nummer

Funk-Rufname

Länge, Breite und Tiefgang des Schiffes

Tonnage

Abfahrts- und Bestimmungsort der Fahrt

 

Unterwegs tönt das dann so:

 

Wolgast Traffic für VERANDEREN.

Wolgast hört.

Wir passieren die Tonne Peenestrom Süd H1 mit Kurs 206° Richtung Anklam.

Wolgast hat verstanden und wünscht weiterhin eine gute Fahrt.

 

Big brother is watching you! Ist aber ein gutes Gefühl zu wissen, dass wir nicht alleine unterwegs sind. Die Revierzentrale meldet jede Stunde alle Schiffe mit Zielangaben und besondere Vorkommnisse in ihrem Zuständigkeitsbereich. Zudem kann sie uns auf dem AIS (Automatic Identification System) verfolgen.

 

 

16. September 2016

Die Ausfahrt vom Hafen Ueckermünde ins Haff braucht Nerven. Harte, kurze Wellen von der Seite her kommend lassen VERANDEREN rollen. Sie zeigt uns deutlich ihren Unmut über diese Zumutung. Nach rund einer Stunde haben wir die Abzweigtonne erreicht und können über Backbord wegdrehen und einen Westkurs fahren. Jetzt kommen die Wellen genau von hinten, das Schiff wird sofort stabil und wir setzen unsere Fahrt Richtung Anklam beruhigt fort.

 

Die weithin sichtbare Ruine der ehemaligen Eisenbahnbrücke bei Karnin, die von der Wehrmacht vor der anrückenden Sowjetarmee gesprengt wurde

 

Wir haben aus den Fehlern von gestern gelernt und passieren die Tonne „Peenestrom Süd H1“ mit vorschriftsgemässer Meldung an die Revierzentrale, bevor wir in die Peene einbiegen. Auch das natürlich nicht, ohne uns vorher abzumelden. Wir bewegen uns jetzt wieder in einem Gewässer, das der Binnenschiffahrts-Ordnung unterliegt.

 

Kurz nach der Peene-Einfahrt begrüsst uns dieses Prachtsexemplar von einem Adler

 

 

17. September 2016

Wir sind ein Paar, das zwar seit 46 Jahren zusammen ist, aber völlig unterschiedlich schnell unterwegs ist im Leben. Das kann mitunter anstrengend sein, manchmal ist das aber auch gut. Martin will in Anklam nach einem Ruhetag weiterfahren, Thesi legt ihr Veto ein. Weil da kein Kompromiss möglich ist, ziehen wir also einen zusätzlichen Tag ein, der dann aber kein Ruhe-, sondern ein Putztag wird. Der Wind bläst heftig von Nord-Ost, es ist plötzlich von einem Tag auf den anderen herbstlich kühl geworden. Gleich neben unserem Liegeplatz ist für den Abend auf der Freilichtbühne Theater angesagt. Wir bekommen noch zwei Karten und setzen uns ausgerüstet mit dicken Wolldecken auf die harten Plastiksessel und warten gespannt auf die Aufführung „Die Peene brennt“. Die Peene ist Teil des Spektakels, dessen Handlung kurz zusammengefasst so geht: Anklam ist eine freie Republik, die gleichzeitig von den Schweden einerseits und den Brandenburgern andrerseits belagert wird. Wieder einmal sind die Frauen Anklams gescheiter als die Männer, die sich mit den restlichen drei Kanonenkugeln dem Kampf stellen wollen. Sie, die Frauen, spekulieren listig (und letztlich auch richtig), dass man den Feinden weismachen könnte, dass es in der Stadt Vampire und Zombies gebe, die sich nachts ihre Opfer suchen und zubeissen. Das funktioniert, bis dann die Handlung völlig aus den Fugen gerät. Die Schweden und Brandenburger beschiessen sich gegenseitig von den beiden Ufern der Peene aus mit Kanonen, die ganze Szenerie wird zu einer einzigen Raketen- Knaller- Petarden- Orgie, was die eher kühlen Nordlichter zu Beifallsstürmen hinreisst. Uns haben die vielen tollen Jazztanz-Einlagen der jungen Tänzer begeistert und so gehen wir die wenigen Schritte über die Brücke glücklich und etwas fröstelnd „nach Hause“. Thesi’s Veto hat sich gelohnt!

 

 

19. September 2016

32 km auf der Peene „flussaufwärts“. In Anführungszeichen gesetzt, weil der Fluss auf einer Länge von rund neunzig Kilometern gerade mal ein Gefälle von 20 cm hat. Manche finden dieses Revier langweilig, uns gefällt es sehr. Das Wasser ist breit und dreht in langen Schleifen durch die schilfbewachsenen Ufer. Natur pur und für uns einfach wohltuend schön und weitab von jeder Hektik.

 

 

21. September 2016

Demmin an der Peene. Wechselbad der Gefühle. Wir fahren in einer fast unberührten Flusslandschaft. Der Wille, Natur wieder Natur sein zu lassen, trägt Früchte. Es gibt wieder Bieber, Fischotter, Adler und unzählige Fischarten. Wir fahren aber mit einem grossen Schiff, versuchen zwar keinen Wellenschlag zu verursachen, passen aber definitiv nicht hierher. Das ist Kanu-Revier, die stossen keine Schadstoffe aus, sind ruhig unterwegs, schrecken Tiere nicht, brauchen keine Infrastruktur, bringen aber auch wenig Arbeitsplätze in diese strukturschwache Gegend. Die Menschen hier müssen einen guten Weg finden, wie man beide berechtigten Anliegen, nämlich das Schaffen von Jobs einerseits und die Anliegen des Naturschutzes andrerseits so managen kann, dass am Schluss keine Verlierer da stehen. Denn Verlierer gab es in der Vergangenheit zu viele hier. Viele Menschen sind abgewandert in andere Gegenden mit besseren Zukunftsaussichten, die Infrastruktur hinkt, so weit wir das beurteilen können, immer noch hinterher.

Die Stadt Demmin wurde im Kriege, wie fast alle anderen Orte in dieser Gegend, fast gänzlich kaputt gebombt. Man hat dann den dringend benötigten Wohnraum mit den bekannten, hässlichen Plattenbauten geschaffen. Ambiente war nebensächlich und so wirken die Orte auf uns seltsam steril, abweisend. Wir finden jeweils kaum ein Café, wo sich andernorts eins ans andere reiht. Eine Eisdiele vielleicht, die gibt’s fast immer.

 

Am späten Nachmittag kriegen wir ein typisches „Fenna“-Telefon. Theres und Christian haben ihr Schiff in Schweden eingewintert und sind mit dem Auto unterwegs zu uns, resp. auf dem Heimweg in die Schweiz. Gegen 21 Uhr treffen sie an der Kade ein und wir klönen bis spät in die Nacht hinein. Die beiden sind im Sommer richtige Schweden-Fans geworden und kommen nicht mehr aus dem Schwärmen raus. Am Morgen begleitet uns Christian mit seiner Drohne und filmt und fotografiert uns bei der Ausfahrt in den Kummerower See.

 

 

26. September 2016

 

Selbst in einer trostlosen, im Krieg zerstörten und dann schnell wieder aufgebauten Stadt wie Demmin an der Peene, findet sich manchmal ein mutiger Architekt, der Altes und Neues zusammenfügen kann

 

Wir sind die Peene bis Malchin „hinauf“ gefahren. In Loitz machen wir auf der Fahrt zurück für eine Nacht halt. Leider, denn das Städtchen ist der hübscheste Ort der Gegend. Ein neuer Hafen, die neue Brücke, das Beizchen im alten Bahnhof und der umgenutzte Speicher haben Cachet, was hier oben selten ist. Wir erfahren, dass dank eines gescheiten Bürgermeisters, der den Russen am Kriegsende den Ort kampflos übergab, nicht gebrandschatzt wurde. Die haben dann allerdings die komplette Dübelfabrik demontiert und nach Russland gebracht. Nach der Wende wurden dann ziemlich alle noch existierenden Betriebe verschachert oder geschlossen. „Da ist nichts mehr“ meint mein älterer Gesprächspartner im Hafenbeizchen. Viele Menschen sind weggezogen an Orte, die ein besseres Leben versprechen.

 

Wir wollen weiter. Es ist noch schönes Wetter, für den Mittwoch ist an den Küsten oben Sturm angesagt, der wird sich auch auswirken im Stettiner Haff. Deshalb ist die Devise klar- die ruhigen Tage für die Überfahrt des Haffes nutzen, nachher wird es dann ungemütlich. Bei herrlichem Sonnenschein pflügt unsere VERANDEREN mit 12 km/h durch die Dünung, die von Süd / Südwest von vorne auf den Schiffsbug prallt. Das spritzt zwar gewaltig, das Schiff rollt aber nicht. Diesmal melden wir uns beim Passieren der „Tonne Haff“, die genau auf der unsichtbaren Grenzlinie zwischen Deutschland und Polen liegt, bei der deutschen Revierzentrale „Wolgast Traffic“ ab und auf dem neuen Funkkanal 69 in englischer Sprache bei der polnischen „Szczecin Traffic“ an. Wir unterstehen wieder der polnischen Seeschiffahrtsordnung bis Szczecin (deutsch Stettin).

Das Haff ist voll mit Stellnetzen und Reusen, auf die man achtgeben muss und die man bei schwierigen Lichtverhältnissen schlecht sieht. Wir halten uns an die Fahrstrassen, die in grossen Abständen betonnt sind und auf denen wir mit dem GPS gut Kurs halten können, wenn wir keine Tonnen sehen. Um die Mittagszeit laufen wir im verschlafenen Trzebiez ein. Fast gleichzeitig mit den Fischern, die mit ihren kleinen Booten den Fang hereinbringen.

 

Auf dem grossen Stettiner Haff ist gute Navigation gefragt, da man zeitweise kein Land und keine Seezeichen mehr sieht. Wir fahren mit der NV-Karte in digitaler und Papierform (links auf dem iPad), den guten Karten der „Kartenwerft“, dem PC Navigo und dem GPS (unten hinten), das hier besonders wichtig ist. Zudem stehen wir mit einem Funkgerät in Kontakt mit der deutschen- (Kanal 9) und der polnischen- (Kanal 69) Revierleitzentrale und sind mit dem zweiten Funkgerät auf Kanal 10 auf dem Schiff-Schiff Kanal

 

Die Seezeichen auf polnischem Territorium sind teils befeuerte, grosse  Türme, die den Seeschiffen den Weg von der Ostsee in den Stettiner Hafen weisen.

 

Besondere Vorsicht verlangen die vielen, je nach Witterung schlecht sichtbaren Stellnetze der Fischer im Haff

 

Die Polen heiraten, was das Zeug hält. Dabei ist kein Aufwand zu gross und die Heiratsfotografen lassen sich etwas einfallen...

 

 

 

30. September

 

Die strahlend weisse Philharmonia Stettin

 

Kühn gestaltete Eingangshalle in der Phlharmonia

 

Wir haben uns zwei Karten für ein Konzert des jungen Geigers Linus Roth in der Philharmonia Stettin gekauft, einem Bau wie von einem anderen Stern. Die Aussenhülle wirkt wie ein Eisberg, schneeweiss und gegliedert in mehrere Zacken, die in den Himmel ragen. Davor der kühn und als schräge Ebene gestaltete Platz der Solidarnocsz. Die Konzertbesucher sind festlich gekleidet, manche in grosser Abendrobe, wir könnten auch in Paris sein. Der grosse Konzertsaal empfängt uns im Gegensatz zur Aussenhaut des Gebäudes in warmen Goldtönen. Der ganze Saal ist tatsächlich mit Blattgold besetzt, grossartig! Das Orchester und der Solist Linus Roth spielen zeitgenössische Musik des polnischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg, den wir und wohl viele andere nicht gekannt haben. Zum ersten Mal berührt mich zeitgenössische Musik, lyrisch, fein gesponnen und manchmal auch schräg für ungewohnte Ohren. Es mag vielleicht etwas bemühend tönen, immer wieder von den für uns billigen Angeboten in Polen zu schreiben. Aber der Leser wird mir zustimmen müssen- ein Konzertticket für umgerechnet 25 Franken auf einem guten Platz ist schon sensationell!

 

Eher schon eine grosse Skulptur als ein Entrée

 

Aussen kühl und weiss, innen in warmem, wohltuendem Gold gehaltener Konzertsaal