Logbuch

 

 

Neustart in Oranienburg

Wir treffen ein gut überwintertes Schiff an bei unserer Ankunft in Oranienburg. Der Empfang durch Hafenmeister Hans Dieter Zander ist überaus herzlich. Wir fühlen uns sofort wieder wohl und beginnen mit dem „Entblättern“ des Schiffes von den Abdeckungen und Planen. Erst beim Inbetriebsetzen merken wir, dass die Umwälzpumpe der Wasserversorgung den Geist aufgegeben hat. Das ist nichts wirklich Tragisches, ist schnell ersetzt und so geniessen wir den Komfort, den uns die VERANDEREN bietet. Das Wetter ist garstig kalt. Im Schiff fühlt es sich wohlig warm an und am Abend feuern wir zusätzlich unseren Cheminéeofen ein.

 

Klönschnack am Oranienburger Hafenfest

 

Frau hat die heissen Schuhe montiert  für den festlichen Anlass

Tischler an Bord

Gleich am dritten Tag kommt der Tischler Sebastian Lange an Bord. Wir wollen über unsere verglasten Koekoek’s (Oberlichter) je einen Schutzrost aus Holz machen lassen. Die wirklich überzeugende Lösung hatte ich aber den ganzen Winter lang nicht gefunden. Sebastian Lange schaut sich die Sache mal an und hat gleich die kreative Idee. Die Dinger sollen schützen, gut aussehen und bei Bedarf entfernbar sein. Die Lösung seht ihr auf den Fotos. Seitwärts je zur Hälfte ausklappbare Teile, die über bewegbare Messingteile miteinander verbunden sind. Ist schön, funktioniert bestens! Wer also in Oranienburg einen guten Tischler sucht, der selber Ideen entwickelt, dem sei Sebastian empfohlen. Seine Werkstatt steht in Germendorf, etwas ausserhalb von Oranienburg.

 

Sebastian Lange montiert die Koekoek-Schutzraster aus Iroko-Holz

 

Endlich geht’s los

Nach fast drei Wochen Vorbereitung kann es endlich losgehen. Unser Ziel ist die Mecklenburgische Seenplatte, die wir erkunden wollen, bevor der grosse Ferienansturm im Juni beginnt. Erste, noch grosse Schleuse Lehnitz an der Oder-Havel-Wasserstrasse. Bei erstaunlich wenig Wartezeit werden wir durchgeschleust und tuckern in gemütlicher Fahrt bis vor die Schleuse Liebenwalde, wo wir übernachten. Nichts als Vogelgezwitscher, dem Ruf des Kukuks und ein paar Mücken. Langsam stellt sich das Gefühl für das Schiff wieder ein. Am zweiten Tag laufen wir am frühen Nachmittag im Stadthafen Zehdenick ein. Bisschen eng hier, rückwärts neben den Yachten vorbei geht’s jedenfalls nicht. Und das Auslaufen nach drei Tagen Liegen wird zur Frühjahresprüfung, die wir gut meistern. Das gibt Selbstvertrauen! Ein langer Fahrtag von neun Stunden steht uns bevor mit den ersten schmalen Schleusen von 5.50 Metern. Das sind wir noch nie gefahren. Aber die Langsamkeit bringts! Wir schummeln uns jedes Mal ohne gröbere Berührungen rein und wieder raus.

 

Die Hastbrücke in der Einfahrt zum Städtchen Zehdernick

 

 

Etwas Industriegeschichte

Die Gegend hier um Mildenberg war einmal die Ziegeleigegend Europas. Bis zu 6'000 Wanderarbeiter und Wanderarbeiterinnen stachen ab 1898 hier den Ton und verarbeiteten ihn fast ausschliesslich in knochenharter Handarbeit zu Ziegelsteinen, mit denen Berlin gebaut wurde. Der Krieg und die Krisenjahre zerstörten die weitere Entwicklung dieser Industrie. Und wenn man bedenkt, dass erst im Jahre 1968 die ersten Gabelstapler in Betrieb genommen wurden, wundert einen das Ende nicht. Das mit modernsten Techniken gestaltete heutige Industriemuseum ist sehr eindrücklich und lässt einen das schwere Leben der Ziegler erahnen. Wo einmal hart gearbeitet wurde, lassen Schiffs-Urlauber heute die Seele baumeln. Die ehemaligen Tonstiche (Abbaugruben) wurden zu romantischen Seen mit verträumten Ufern.

 

Industriedenkmal Ziegelei-Brennofen in Mildenberg

 

 

Mein Traum-Atelier

Stillgelegter Ziegeleibetrieb. Und guckt euch die riesigen Fenster an! Das hätte vielleicht mein Atelier sein können, wäre ich hier geboren. Was dann aber auch nicht ganz erstrebenswert gewesen wäre, befinden wir uns hier doch in der verblichenen DDR. Für Eisenplastiker gäbe es hier unendlich viel Material zum Verarbeiten, das in langen Jahren wunderschön und langsam vor sich hinrostete.

 

Mein Traum-Atelier

 

Die Schleusen sind nur 5.50 Meter breit. Eng für unser 4.85 Meter breites Schiff

 

 

Himmelpfort

Wenn das kein schöner Dorfname ist! Und wir erhalten am ultimativen Platz beim Bootshaus am Stolpsee einen tollen Liegeplatz, von der Kinette-Crew wärmstens empfohlen. Grosse Ruhe, spiegelglatter See (allerdings nur am ersten Tag), freundlicher Hafenmeister und abends ein Glas Moselwein zum frischen Fisch. Müde und zufrieden sinken wir in unsere Betten im Wissen, dass wir heute alles gut gemacht haben und morgen ausschlafen können.

Wetterwechsel ist angesagt. Der Himmel ist zwar strahlend blau, über den See hin zieht jetzt aber ein steifer Wind auf. Schaumkronen, das hiesse für uns: wir fahren nicht. Andere sehen das ganz anders. Zwei Yachtcrews versuchen verzweifelt, irgendwie anzulegen. Der Wind drückt sie unbarmherzig Richtung Kade. Mit Glück und fremder Hilfe lässt sich Schaden vermeiden. Schiffer unterschätzen den Wind oft. Auch grosse Schiffe sind kaum mehr kontrolliert zu manövrieren ab Windstärke 6 aufwärts.

 

Traumhafter Liegeplatz am Aussensteg des Bootshauses Himmelpfort am Stolpsee

26. Mai 2016

Wir legen am Morgen kurz nach acht in Himmelpfort ab, es scheint eine kurze, nicht schwierige Fahrt zu werden. Zügig geht’s den Stolpsee runter und über einen schmalen Verbindungskanal nach Fürstenberg. Der Planer der neuen Schleuse dort wollte die Aufgabe für uns Schiffer etwas interessanter machen. Man fährt den Wartesteiger zur Anmeldung im exakt rechten Winkel zur Schleuse an. Damit das alles etwas cooler aussieht, hat er an der Backbordseite noch zwei tolle Pfosten platziert. Man schlüpft dann erst rückwärts wieder raus und stellt sein Schiff vor der Schleuse möglichst gerade. Das Schleusentor hat er 5.30 Meter breit bauen lassen, die Schleusenkammer aber 11 Meter. Hinter uns stauen sich mittlerweile sieben Yachten. Es reicht für uns und zwei Yachten, dann ist die Kammer voll. Alles gut, wir sind drin und irgendwann auch wieder draussen. Aber es bedeutet Arbeit!

 

 

27. Mai 2016

Sonnenuntergang am Ellbogensee bei Priepert

 

Das wäre unser Traum-Sommerhäuschen am Ziernsee 

 

Ruhetag im Yachthafen Priepert. Ziemlich neu gebaut für Yachten. Nicht für Schiffe wie die VERANDEREN. Trotzdem hält man uns einen Platz frei. Der liegt nun allerdings genau in der Hafeneinfahrt und das gefällt dem Vermieter der Chalet-Flosse nicht. Als ich ihn dann darauf aufmerksam mache, dass ich vom Hafenmeister hierher platziert worden sei und ihn frage, ob er vielleicht ein Mitarbeiter des Hafenmeisters sei, buchstabiert er etwas kleinlaut zurück und brummelt etwas von guter Seemannschaft. Ein Meckerer unter vielen freundlichen Schiffern, die uns winken und Freude an der VERANDEREN haben.

 

 

30. Mai 2016

Toller Empfang durch Ole, den Hafenmeister an der Schlossinsel in Mirow. Irgendwie wie nach Hause kommen. Am Steg steht die Crew der MARCO POLO II und hilft beim Festmachen. Wieder einmal ein Logenplatz mit freier Sicht über den Mirow-See. Thesi freut sich, im gediegenen Café des Schlosses gleich gegenüber eine erfrischende Eis-Coupe essen zu können. Endlich raus aus den Schifferklamotten samt Rettungsweste, rein ins modischere Outfit. Da kommt gleich gute Laune auf. Martin erkundet mit dem Velo den Ort. Der erste Eindruck der Hauptstrasse, die durch den Ort führt, ist ernüchternd. Viel Dunkelbedrückendes. Aber wenn man in die Quartiere fährt, wird dieser Eindruck korrigiert. Gediegene Einfamilienhäuser, hübsche Strandhäuschen am Wasser, Ein Strandbad wie zu meinen Bubenzeiten. Damals reichte eine Badehose, ein Klo irgendwo und wenn möglich ein Glacée-Stand, wo man sein Taschengeld verputzen konnte. Und die Wassertemperatur damals im Thunersee lag auch nicht immer bei 20 Grad. Eine Einfachheit, die wir sehr schätzen und mögen. Sehr sehenswert aber ist natürlich das neu renovierte Schloss, kaum zweihundert Meter neben dem Hafen. Umgeben von riesengrossen, alten Bäumen, inmitten einer kleinen Parklandschaft, ist es Muss und lädt zum Verweilen ein.

Endlich bricht das lang erwartete Gewitter über uns herein und bringt den hierzulande sehnlich erwarteten Regen. Der Strom ist weg. „Immer noch wie früher zu DDR-Zeiten“, wie Ole lachend meint. VERANDEREN gibt uns Schutz und Geborgenheit, mittlerweile sind wir ein prima Trio geworden.