Logbuch

 

 

 

3. Oktober 2016

Gartz an der West-Oder, ca. 2'900 Einwohner, weit ab vom Schuss. Wir legen eine Woche Pause ein, immerhin ist das Gebiet hier der Kraniche wegen äusserst interessant. Auf der deutschen Seite der Oder finden sie Futter auf den abgeernteten Maisfeldern, auf der polnischen Seite ideale Schlafplätze. Ungestört, in vielen Wasserläufen und Altarmen können sie nachts in grossen Gruppen im Wasser stehen und sind so geschützt vor Feinden wie dem Fuchs, der das Wasser scheut. Wir zwängen uns zusammen mit einem Ranger am späten Nachmittag die engen Treppenstufen hoch auf den Kirchturm und warten dort, ausgerüstet mit starken Fernrohren auf die Vögel. Die wollen aber partout nicht einfliegen bis wir bei Einbruch der Dämmerung schon aufgeben wollen. Und jetzt hören wir die typischen Schreie und machen die ersten Gruppen aus, die in keilförmiger Formation von Westen her über die Oder hinweg einfliegen. Es sind, so meint der Ranger, schon deutlich weniger als noch an den Vortagen und wir vermuten, dass zehntausende bereits auf der grossen Reise Richtung Südspanien sind. Offenbar haben sie ein Sensorium, mit dem sie kommende Wetterwechsel voraus spüren können.

Zudem ist Ostwind, für sie also Rückenwind, ideale Bedingungen für den langen Flug über Südwest-Deutschland und Frankreich. Uns bleibt nur grosses Staunen und wir verspüren etwas Wehmut. Die warme Jahreszeit ist vorbei. Zeit, das Schiff für den Winter bereit zu machen und bald nach Hause zurück zu fahren.

 

Die entferntere Gruppe fliegt in der für Kraniche typischen Keilformation, um Kraft zu sparen

 

Früher Morgen an der Oder. Naturschutz und Industrie nebeneinander, geht das?

 

 

8. Oktober 2016

 

Vor uns BISON 94, polnischer Schubverband, ca. 1'000 Tonnen Kohle, Bestimmung deutsches Kohlekraftwerk, Tempo 5,6 km/h

 

Der Tag beginnt trotz garstigem Wetter gut. Wir kommen gut voran, fahren fast 12 km/h. Der Tag wird auch so lang werden, unsere nächste Übernachtung wird in Oderberg sein, das sind gut 55 km mit einer Gross-Schleuse dazwischen bei Hohensaaten. Wir rechnen mit einer Fahrt von etwa 6 ¼ Stunden. Bei km 111 fahren wir auf einen polnischen Schubverband auf (ein Schiff schiebt ein, zwei oder mehrere beladene, antriebslose Schubschiffe vor sich her, die mit Stahltrossen miteinander verbunden sind). Er schiebt zwei mit Kohle beladene Schubschiffe und ist entsprechend langsam. Schubverbände müssen in Flusskrümmungen stark ausholen und müssen die ganze Breite der Wasserstrassen ausnutzen. Vor allem aber verdrängen sie unglaublich viel Wasser und verursachen mit ihren Schrauben starke Turbulenzen. Wir versuchen ein Vorbeifahren (Überholen), müssen das Vorhaben aber schleunigst abbrechen. Unser Bug wird so stark vom Schubverband angesogen, dass ich die Kontrolle über das Schiff verliere, das Heck am linken, steinigen Ufer Grundberührung hat, was ganz hässlich knirscht und VERANDEREN schliesslich komplett quer im Kanal treibt. Also tuckern wir die restlichen 20 km bis Hohensaaten im Standgas und brauchen eine volle Stunde mehr. Aber- was ist wichtiger, schneller anzukommen oder ein unversehrtes Schiff zu fahren?

 

 

9. Oktober 2016

Sonntag, Regentag in Oderberg, eigentlich ein freier Tag. Ich habe gestern am Schluss der Fahrt ein kurzes Stocken der Maschine oder einen Schlag gehört. Es könnte auch ein harter Gegenstand im Wasser gewesen sein. Und wenn der in die Schraube geraten ist, könnte die Schaden genommen haben. Das hat mir keine Ruhe gelassen, also habe ich mich ins Übergwändli gestürzt und bin erst mal in den Maschinenraum abgetaucht. Motor im Leerlauf laufen lassen mit viel und wenig Gas, allfällige Ölverluste gesucht, Gaszug gecheckt, lässt sich die Welle von Hand gut drehen? Nichts Auffälliges. Ruderanlage nachgeschaut, mit und ohne hydraulischer Unterstützung Ruder betätigt. Läuft gut. Nur in Badehose und mit Taucherbrille runter ins kalte Wasser zum Schrauben-Check, dazu habe ich mich nicht überwinden können. Dafür habe ich meine alljährlich einmal notwendige Lieblingsarbeit gemacht, will heissen: ausgerüstet mit Gummihandschuhen, Knieschonern, Taschenlampe, vielen Putzlappen, dem Wassersauger, einem Spachtel, auf dem Bauch vom Maschinenraum der Welle entlang zum Stevenrohr nach ganz hinten kriechen. Dort den unter dem Lager liegenden, mit Kehrichtsäcken ausgekleideten Kübel, der voll ist mit aus dem Lager gequollenem, überschüssigen Fett entfernen, reinigen, mit neuen Säcken auskleiden und wieder platzieren. Resultat der Übung: abgefüllter Kanister mit schmutzigem Bilgenwasser und Fett, ein Pullover und ein paar Putzlappen für den Kehricht, Gummihandschuhe voller Fett (Brille auch), saubere Bilge und Lager. Bin jetzt zufrieden, dass das gemacht ist und ich noch fit genug bin für diesen Job, Stelle mir bloss kurz die Frage, warum ich das haben muss...

 

 

12. Oktober 2016

Ein Fahrtag wie viele zuvor, regnerisch-trüb. Wir haben Stalldrang, möchten nach Hause. Schon nach weniger als einer Stunde fahren wir ans Schiffshebewerk Niederfinow. Sieht gar nicht so schlecht aus für uns- es wartet ein Schubverband und eine kleine Yacht, wir sollten also in der zweiten Schleusung dran sein. Nur- wie so oft im Schifferleben kommt es anders, als man denkt. Der Schubverband ist 120 Meter lang und muss in zwei Hebungen geschleust werden. Er ist auch zu breit, wir haben keinen Platz an seiner Seite. Das dauert...
zwischenzeitlich kommen ein weiterer mit Schrott beladender Schubverband und zwei Transportschiffe an und zu guter Letzt turnen zwei Fahrgastschiffe herum, die Gäste zu Hebewerksbesichtigungen rauf- und runterkarren. Und die kommen alle zuerst dran! Nach 2 ¾ Stunden werden wir aufgerufen, uns in die unserer Meinung nach bereits proppenvolle Wanne zu zwängen hinter dem Berufsschiff und den Fahrgastschiffen. Einmal drin wird klar- wir sind zu lang, das Tor hinter uns kann nicht geschlossen werden. Der Schleusenmeister fordert uns auf, das Schiff möglichst quer zu stellen, also vorne rechts und hinten links an die Wand. Und der Flaggenstock muss noch weg, so kriegt er das Tor zu... Hätte mich vor drei Jahren einer aufgefordert, so was zu machen, wäre ich in den Hungerstreik getreten!

 

Gstungg“ nennt man das bei uns zu Hause. Vorne und hinten satt an der Wand.

 

 

Das Heck überragt die Trogwand hinten. Geht nur hier, in einer Schleuse kämen wir zu Schaden, weil das einfliessende Wasser zu Schwall führen und sich das Schiff gegen die Wand drücken würde.

 

Tief unter uns warten schon die nächsten Schiffe darauf, gehoben zu werden.

 

In nur fünf Minuten sind wir schon oben und nehmen Abschied vom Oder-Gebiet und Polen.

 

 

Schon 14 Uhr- wir haben noch einen langen Tag vor uns. Da erreicht uns über Funk die Meldung der Revierzentrale Magdeburg, dass der Oder Havel Kanal bei Lehnitz morgen möglicherweise den ganzen Tag wegen einer Bombenräumung gesperrt sei. Für uns nicht so schlimm, dann werden wir eben in Liebenwalde übernachten. Allet juut! Wir fahren zügige 12 km/h, kommen gut voran, sollten so gegen fünf dort sein. Vor Marienwerder fahren wir auf einen polnischen Schubverband,- oder müssten wir Schleichverband sagen- auf, 5 ½ km/h wie gehabt! Fussgänger überholen uns auf dem Damm. Wir bleiben geduldig hinter ihm. Nicht so geduldig reagiert ein weiterer Pole hinter uns. Er teilt uns über Funk mit, dass er vorbeifahren will. Voll beladen, er wolle noch vor der Schliessung des Kanals dort sein. Langsam kommt sein gewaltiger Bug näher. Als er auf gleicher Höhe mit uns ist, saugt er den Bug der VERANDEREN an, ich verliere die Kontrolle über das Schiff, beide Schiffsrümpfe scheinen zusammengewachsen zu sein. Der Matrose des „gegnerischen“ Schiffes kennt diese Situation offensichtlich gut. Er steht mit Reibhölzern bereit und bewahrt uns so vor gröberem Schaden. Was hören wir manchmal von Besuchern- wir beneiden euch um eure Abenteuer!

 

Zwischenzeitlich ist es dunkel geworden, noch 6 Kilometer, dann kommt der Abzweiger nach Liebenwalde. Unsere Scheinwerfer sind zu schwach, um unser Umfeld genügend ausleuchten zu können. Wir schleichen uns im Schritttempo an die Abzweigung und den letzten Kilometer zum Anleger an der Schleuse. Dort liegt schon eine Yacht, unbeleuchtet, wir erkennen sie spät in der stockdunklen Nacht und können vor ihr anlegen, es ist mittlerweile halb acht geworden. Vor 10 ¼ Stunden sind wir losgefahren. Über Funk erfahren wir, dass unsere Strecke morgen definitiv den ganzen Tag gesperrt sein wird. Thesi bereitet uns noch etwas Pasta auf, dann sinken wir todmüde  ins Bett.

 

 

13. Oktober 2016

Der Dialekt ist wieder ein anderer hier, wir sind jwd (janz weit draussen). Am Funk hören wir immer noch die weiche Sprache der polnischen Schiffer, melodiös und unverständlich leider für uns. Immerhin können wir „guten Tag“ und „Danke“ sagen und so unseren guten Willen dokumentieren. Wir haben auf der Fahrt nach Stettin, über das Haff und die Peene rauf und wieder zurück viel dazugelernt. Erfahrungen gemacht, manchmal unfreiwillig, aber nicht weniger wertvoll. Jetzt, nach langen sechseinhalb Monaten sind wir etwas fahrmüde und freuen uns auf unser Zuhause in Vogelsang.

 

 

15. Oktober 2016

Hudelwetter, nass. Trotzdem sind wir dabei, das Schiff für den Winter vorzubereiten. Das Elektrokabel für den Landstrom ist wintersicher verlegt, die Fender sind gewaschen (meine zweite Lieblingsarbeit nach der Fettentsorgung , siehe oben...), Thesi hat das Steuerhaus aussen gründlich abgewaschen, diverses Kleinzeug ist in der Werkstatt verstaut, auch unsere heiss geliebten Brompton-Klappräder sind drin. Gespannt sind wir, ob es unsere Blumenkistchen auch über diesen Winter hinaus schaffen, wie letztes Jahr. Hoffentlich trocknet es in den nächsten Tagen einmal ordentlich ab, damit wir die Steuerhaus-Abdeckung festmachen können. Nach Stunden draussen sind wir so froh, ein komfortables Schiff mit guter Heizung zu haben. Reinkommen, raus aus dem nassen Zeug, trockene Kleidung anziehen und dann ein heisser Tee, das weckt die Lebensgeister wieder.

 

VERANDEREN ist winterfest eingepackt