Logbuch

1. Oktober

 

Nachbar für eine Nacht. Ein Schiffs-Nomade der ganz lockeren Art.

 

Gute Seemannschaft heisst auch, anderen Schiffen das Anlegen an unserem Schiff zuzugestehen, wenn keine andere Möglichkeit besteht, festzumachen. Wir halten uns an diese Grundsätze. Dieses Exemplar war nun allerdings sehr gewöhnungsbedürftig. Nicht nur, was das wilde Durcheinander von Tauen, Werkzeugen, Flaggen, Haushaltgegenständen, Seekarten, Aschenbecher, Flaschen, Ölpintli etc. betrifft. Auch das Verhalten des Skippers war nicht so ganz nach unserem Geschmack. Er war einfach mal da, kletterte über unsere frisch gemalte Reling und verschwand in die Stadt. Aber Reisende soll man nicht aufhalten. Und nach längerer Reparatur am stotternden Aussenborder entschwand er dann am nächsten Tag ins nächste Jagdgebiet.

 

3. Oktober

 

 

 

 

25 Jahre /bzw. 26 Jahre wiedervereinigtes Deutschland

 

„Diese Mauer wird noch in hundert Jahren stehen“, verkündeten damals die DDR-Oberen und merkten nicht, was draussen auf den Strassen abging. Jetzt muss man die Mauer suchen, gottseidank! Hinter und vor den Mauerresten stehen jetzt Glaspaläste mit den teuersten Wohnungen Berlins. Vorne am Spreeufer wummern die Bässe der gerade angesagtesten Clubs. Wir haben uns noch einmal eine Spreefahrt gegönnt zu unserem Abschied von Berlin und die illuminierte Stadt vom Waser aus genossen. Was für ein Spektakel, was für ein Licht- und Farbenspiel! Projektionen auf den historischen Fassaden und Brücken, Berlin hat sich und Deutschland gefeiert. Laut, überdreht, schön, wie es sich gehört für diese Stadt. Morgen werden in der U-Bahn viele weisse Gesichter zu sehen sein. Und wir werden ablegen und uns vom Tempelhof und unseren Schiffsnachbarn verabschiedet haben.

 

Man mag es deftig im XXL Restorang. „Die jute Pute“ wiegt satte 1,3 kg. Menu-Vorschlag für eine Person!

 

 

6. Oktober

 

Volle Konzentration ist angesagt im Steuerhaus der VERANDEREN

 

 

7. Oktober

Eine Saison ohne nennenswerte Probleme- dachten wir. Doch am zweitletzten Tag hat’s uns erwischt.

Der Albtraum eines jeden Schiffers geht etwas so: Sein Schiff fährt vorwärts und vorwärts, auch wenn er den Rückwärts einlegt. Für Nicht-Schiffer eine kurze Erklärung: Im Gegensatz zu einem Auto gibt es auf Schiffen keine Bremse im eigentlichen Sinne. Man stoppt, indem man den Rückwärts einlegt. Die Schraube dreht dann in entgegengesetzter Richtung und bremst das Schiff langsam ab.

Wir sind also frohgemut aus der Schleuse Spandau ausgefahren im Bewusstsein, dass der Tag geschafft sei und wir gleich nach etwa 300 Metern im Altstadthafen festmachen könnten, wo uns auch schon ein Liegeplatz reserviert worden war. In der Anfahrt zum Steg, so etwa 20 Meter vorher, bleibt mir fast die Luft weg! VERANDEREN wird sogar schneller, wenn ich mit dem Rückwärts abstoppen will. Irgendwie reicht es noch, am Steg vorbeizufahren, vor uns liegt allerdings gleich der Brückenpfeiler, an dem wir auch noch so knapp vorbeikommen. Ich wende im Kanal und versuche, das Schiff im Leerlauf (Neutral) an den Steg gleiten zu lassen. Da merke ich, dass ich auch in der Neutralstellung Schub habe. Auch diesmal reicht es knapp, am Steg und der dort festgebundenen Yacht vorbeizukommen. Vielleicht zur Verdeutlichung- wir verdrängen 80 Tonnen! Die Yacht und der Steg wären wohl abbruchreif gewesen. Zu allem Überfluss ist jetzt auch noch ein schwerer polnischer Schubverband da, der nicht einfach abstoppen kann. Unsere Rettung ist im Moment, dass sich hier das Wasser zu einem kleinen See weitet und so schmuggeln wir uns zwischen den Dalben für die Berufsschiffe hindurch dorthin und fahren jetzt im Kreis herum. Damit sind wir fürs erste aus dem Gefahrenbereich weg. Ich lasse mit dem Handy über den Hafenmeister die Wasserschutzpolizei alarmieren. Thesi schwenkt auf Deck die rote Notflagge , die anderen Schiffen anzeigt, dass wir manövrierunfähig sind (und die wir etwas widerwillig selber gebastelt hatten, weil wir annahmen, dass das halt so eine eher überflüssige bürokratische Auflage sei). In der Zwischenzeit haben Schiffersleute, die in der Nähe liegen bemerkt, dass etwas nicht stimmt. „VERANDEREN, was ist ihr Problem?“ hören wir über Funk. Ich schildere unsere Notlage und bitte erneut um Hilfe. Wenig später nähert sich uns nach einer gefühlten Ewigkeit das blaue Polizeiboot, das sich uns nähert. Sie kommen vorsichtig längsseits und wir setzen sie ins Bild über unsere Lage. Nach anfänglicher Ratlosigkeit schlagen sie uns vor, VERANDEREN mit abgestellter Maschine langsam an eine in der Nähe liegende Kade zu bringen. Das nicht einfache Manöver gelingt beim zweiten Versuch und als dann das erste Tau am Ufer aufgefangen und festgemacht wird, wissen wir- es ist geschafft.

Unser grosser Dank geht an Uli und Elke vom Schiff „ANNY“, die als erste gemerkt haben, dass wir in Not sind und dann vor allem an die Polizist(inn)en der Wasserschutzpolizei Spandau, die ruhig und souverän gearbeitet haben. Ihnen gebührt ein ganz grosses Dankeschön, wir haben grossen Respekt vor ihrem Können. Man mag sich lieber nicht vorstellen, wenn das in der Schleuse oder in einem Hafen passiert wäre... Was hatten wir doch für ein Glück!

Aber was war denn nun die Ursache? Die Schraube, die den Gaskabelzug arretiert, hatte sich, vermutlich durch die Vibrationen, gelöst. Der Kabelzug hing lose runter und nichts ging mehr. Das Ding ist hinter dem Armaturenbrett gut versteckt und nichts, was man üblicherweise und routinemässig kontrolliert. Ab heute gehört das aber zum regelmässigen Check dazu.

Wie immer in Situationen wie dieser, kommt das Knieschlottern erst, wenn alles vorbei ist. Wir versuchen, das Ganze als Lernprozess und zugewonnene Erfahrung zu werten und werden noch vorsichtiger und defensiver fahren und uns noch seriöser auf die Fahrten vorbereiten als bisher schon.

 

 

16. Oktober

 

Stadtdurchfahrt auf der Spree

 

Um 8.30 Uhr starten Karsten Merten und ich im Hafen Oranienburg und überführen die Barkasse „CANOPUS“ des Hafenmeister-Stellvertreters Klaus Dinse nach dem Museumshafen in Berlin. Um diese Jahreszeit ist kaum noch Verkehr auf den Kanälen hier. Es regnet in Strömen. Während ich das Schiff steuere, kocht uns Karsten einen starken Kaffee, der uns einigermassen bei Laune hält. Nach rund zweieinhalb Stunden Fahrt erreichen wir die Schleuse Spandau. „Die Schleusen-Steuerung ist defekt, die Schleuse kann auf unbestimmte Zeit nicht bedient werden“, hören wir über Funk. „Auf unbestimmte Zeit“ kann vieles heissen- eine Stunde Wartezeit oder auch vier oder fünf oder den ganzen Tag... Wir überlegen, was wir tun könnten, wenn gar nichts mehr laufen würde. Klaus wollte sein Schiff beim traditionellen „Abdampfen“, der letzten Fahrt aller Traditionsschiffe in Berlin unbedingt dabei haben. Wenn das jetzt nicht bis etwa um 16 Uhr zum Klappen kommt, müssen wir den „CANOPUS“ irgendwo parkieren können, von wo wir dann mit einem öffentlichen Verkehrsmittel nach Oranienburg zurückfahren könnten. Nach einer Stunde Wartezeit funktioniert die Schleusensteuerung aber wieder und wir setzen die Fahrt über Charlottenburg und quer durch das Stadtzentrum fort zur Mühlendamm-Schleuse und dann über Steuerbord rein in den Museumshafen. Einmal selber über die Spree durch Berlin fahren, das wollte ich unbedingt erleben! Das ist anstrengend ja. Brückendurchfahrten en masse und Gegenverkehr der Fahrgastschiffe. Wir melden uns vor jeder Brücke über Funk an. Da wir „zu Berg“ fahren, haben wir keinen Vortritt, was zusätzliche Vorsicht erfordert. Nach sieben Stunden ist „CANOPUS“ fest vertäut und wir fahren mit U-Bahn und dem Regionalzug zurück nach Oranienburg. Das war meine letzte Fahrt in diesem Jahr. Mit einem Schiff, das ich nicht kannte. Hat aber erstaunlich gut geklappt und war eine wertvolle Erfahrung mehr.

 

Mittlerweile ist VERANDEREN bald bereit, in den Winterschlaf zu gehen. Wir haben uns noch eine Abdeckung des Steuerhauses machen lassen und warten auf die Fertigstellung durch die Segelmacherin. Regenwetter macht uns den Abschied leicht, auch wenn da immer etwas Melancholisch-Nachdenkliges mitschwingt. Der Hafen ist fast leer, Herbstblätter schwimmen auf der spiegelglatten Wasserfläche. Wir sind mittlerweile etwas heimatlos, das Abschiednehmen ist fester Bestandteil unseres Nomadenlebens geworden.