Logbuch

1. Juni 2015
Wenn man sich Action-Nächte wünscht, hätte ich einen Vorschlag: Schiff im Tidenwasser (Gezeiten) mit einem Hub von 3.70 Meter an festen Dalben anbinden, also nicht an Schwimmstegen, die sich mit steigendem, resp. sinkenden Wasser mitbewegen. Das heisst nämlich, so lange Leinen wie möglich binden und trotzdem so alle zwei Stunden die Taue nachrichten, damit das Schiff nicht aufgehängt wird. Macht mässig Spass. Ganz freiwillig haben wir es nicht gemacht, die Stege am Aussenhafen Delfzijl waren besetzt. Muss in Zukunft nicht mehr sein.

 

 

 

 

4. Juni 2015
Die Fahrt über den Dollard, die Mündung der Ems ins Meer, war eine Feuertaufe für uns, die noch nie im Gezeitenwasser gefahren sind. Das Wasser strömt mit einer Geschwindigkeit von etwa 8 km/h und man muss aufpassen, nicht abgetrieben zu werden. Die Schwierigkeit dabei ist, dass man das nur richtig realisiert, wenn man sieht, wie das Wasser die Orientierungstonnen fast mitreisst.

 

5. Juni 2015

Erster Halt in Deutschland ist die hübsche Stadt Leer. Tradition und Moderne auf kleinem Raum. Nach der Schleusendurchfahrt tut sich ein weites Becken auf, links und rechts (tschuldigung: Backord und Steuerbord) gesäumt von traditionellen Schiffen und modernen Yachten. Leer hat heute als Hafen nicht mehr die Bedeutung von einst. Hier sitzen aber immer noch am meisten Reeder Deutschlands nach Hamburg. Weltweit tätige Handelshäuser haben hier ihr Stammhaus (Tee, Gewürze, Wein).

 

 

Stammhaus der Weinhandels-Familie Wolff in Leer

Die ultimative Schiffer-Versicherung

 

 

12. Juni 2015

In Lingen erhält Martin als Gegenleistung für die Hilfe beim Anlegen vom Fahrgast-Schiffer ein kleines Döschen. PRAYERBOX steht auf dem Deckelchen. Drin liegen eine Mini-Rosenkranz, eine Ampulle mit Weihwasser („auffüllbar in jeder katholischen Kirche“), ein Kreuzchen als Anhänger und ein Spickzettel mit den wichtigsten Gebeten. Ausserdem erhalten wir je ein kleines Fläschchen Schnaps. „Lady-Power“ für Thesi und „Kümmerling“ für mich...Thesi weiss es nicht so recht zu deuten- waren die Fahrkünste Martin’s der Auslöser für das Geschenk oder beansprucht der Schiffer fortgeschrittenen Alters selbst hie und da Hilfe von oben...

 

 

 

Ein Dicker schleicht sich aus der Schleuse

 

15. Juni 2015

Im Dortmund-Ems-Kanal überwinden wir pro Tag durchschnittlich etwa 16 Höhenmeter in vier Schleusen. Die sind nun nicht mehr vergleichbar mit denen in Holland. Gebaut für grosse Schiffe und mit deutlich mehr Hub (Höhenunterschied, der überwunden wird). Und manchmal wird den Schiffern alles abverlangt, wenn sie ihre grossen Mocken schadlos aus der Schleuse zirkeln müssen.

 

„Haste mir mal eben een Fahrrad, ick bin nicht mehr janz so doll uff meene Füsse“, meint der Kapitän des STÖR, der in Minden vor uns angelegt hat. Berliner durch und durch, „sechzich Jaahr uff em Kaan rumjemacht“, und trotzdem reicht die Rente nicht. Muss heute noch zum Arzt, um seine Fahrtauglichkeit checken zu lassen, sonst muss ein anderer die Ladung nach Amsterdam fahren.

 

 

 

„Dicker“ Nachbar

 

19. Juni

Am Wasserstrassenkreuz in Minden legt spätabens kurz vor dem Einnachten noch ein grosses Berufsschiff bedrohliche vier Meter hinter uns an. Thesi zügelt vorsorglich von der Achterkabine nach vorne in die Gästekabine.

 

 

 

 Mein Super-Matrose an der Arbeit in der grossen Schleuse Anderten mit einem Hub von 14.70 Metern.

 

Mit Ziel „Reichstag Berlin“

 

27. Juni

Eine Begegnung besonderer Art machen wir in der Autostadt Wolfsburg. Erhard Schnetzer aus dem vorarlbergischen Gaissau ist mit seinem Kajak unterwegs vom heimatlichen Bodensee nach Berlin. Er bindet sein leichtes Gefährt bei uns an und erzählt uns bei einem guten Kaffee von seinen Erlebnissen auf dem Wasser. Es gibt Abenteurer auf dieser Welt, die keine Bücher schreiben, die aber die verrücktesten Dinge tun. Einfach aus Lust und Entdeckungsfreude.

 

 

Vergangenheit und Gegenwart in der Autostadt Wolfsburg

 

Juli 2015
Der VW-Konzern hat in Wolfsburg eine „Autostadt“ realisiert, die wohl ihresgleichen sucht. Das Auto wird zum Aufhänger für all die Themen, die die Welt beschäftigen: Klimaerwärmung, rasend schnelle Technologie-Entwicklung, Identitätsfragen, Lebensstil, soziale Fragen. In unzähligen Pavillons wird all das in hochspannender Art und mit modernster Ausstellungstechnik dargestellt. Besucher können sich interaktiv in ein Thema einarbeiten. Und klar- die Marken des Konzerns werden emotional und umgeben von Weltklasse-Kunst in Szene gesetzt. Schon wieder amüsant zu sehen, wie sich gruppenweise Mitarbeiter bewaffnet mit Staubwedeln und glanzerzeugenden Mittelchen auf jedes Stäubchen stürzen, das sich auf die Karossen zu setzen droht.

 

Als wohltuender Kontrast zur Hochglanz-Technologie: Von einem dänischen Künstler realisierter Duft-Tunnel im Park der Autostadt. 3'000 Duftpflanzen betören den Besucher, der durch die sich drehende „Walze“ lustwandelt.

 

 

Bei Km 322 auf dem Mittellandkanal überqueren wir auf der Kanalbrücke die Elbe und nach wenigen Kilometern auch die ehemalige Grenze zur verblichenen DDR, an die hier nichts mehr erinnert.

 

 

Bald nach der Schleuse Wusterwitz verlassen wir den Elbe-Havel-Kanal. Eine völlig andere Welt tut sich nun vor uns auf. Waren wir während Wochen umgeben von den „Dicken“, wie wir sie nennen, den Berufsschiffen, wimmelt es nun plötzlich von allen nur denkbaren Wassergefährten. Die Havel wird immer wieder zu weiten Seen, auf denen sich halb Berlin zu tummeln scheint. Wir laufen nach einer wunderbaren Fahrt in Brandenburg ein und legen im Hafen  „Am Slawendorf“ an. Der Stadt kann man ihre DDR-Vergangenheit noch ansehen. Manche Gebäude möchten noch aus dem Tiefschlaf erweckt werden. Die Bundesgartenschau, so lassen wir uns berichten, sei nun endlich auch hier zur Initialzündung für eine umfassende Stadterneuerung geworden. Und tatsächlich, vieles ist toll renoviert worden. Gute neue Architektur steht neben sorgfältig renovierter Vergangenheit und wir sind schon stark beeindruckt, welche Parforce-Leistung dieses Land erbringt, um auch die neuen Bundesländer auf Vordermann zu bringen.

 

 

 

Vorher – Nachher in Potsdam


Potsdam- ein Name, mit dem wir alles Mögliche assoziieren: Der Ort, an dem Truman, Stalin und Churchill Europa für die folgenden Jahrzehnte in Ost und West aufgeteilt hatten. Der Ort, an dem auf der Glienicker-Brücke die Agenten ausgetauscht wurden, die Sommerfrische für die preussischen Könige, Schloss Sanssouci, die Stadt der riesigen Parks. Heute eine sich rasch entwickelnde Stadt mit etwa 163'000 Einwohnern. Wohnen ist hier mancherorts schon teurer als in Berlin, die Innenstadt ist ein Eldorado für Kunst- und Modefreaks. Unzählige kleine Boutiquen, Lädelchen, Beizchen, Büchereien lassen einen stundenlang herumstreifen. Etwas für die Schönen und Reichen, für Touristen aus aller Herren Länder, für Filmfreaks (die Medien- und Filmstadt Babelsberg und ihren Filmstudios ist hier) und eben auch für uns Schiffersleute.
 

 

Auch die Potsdamer Hebammen kommen nicht ohne wirksame Werbung aus

 

 

Das Neue Palais wird in seiner ganzen Pracht und Üppigkeit neu renoviert

 

 

Die Nikolai Kirche und das alte Rathaus

 

 

Hans Otto Theater

 

 

Park des Schlosses Cecilienhof

 

 

In der Berliner Vorstadt (wir sind immer noch in Potsdam!), einer Halbinsel zwischen dem Tiefen See und dem Heiligen See hat sich eine neue Kulturszene eingerichtet in renovierten Industriebauten. Es wimmelt von Galerien, Ateliers, Werkstätten, Theatern, Cabarets. Auch der Oracle-Konzern hat hier seinen Hauptsitz. Davor zeigen am Ufer die Freaks ihre atemberaubenden Sprünge auf den Halfpipes, Filme werden Openair gezeigt. Journalisten würden von einem hippen Quartier sprechen.
Harter Gegensatz dazu ist die ehemals „Verbotene Stadt“, Zentrale des russischen Geheimdienstes und das dazugehörige KGB-Gefängnis. Damals unzugänglich für gewöhnliche Bürger und umgeben von einer hohen Mauer. Von hier aus wurden die Geheimdienst-Aktivitäten der Sowjetunion gegen den Westen koordiniert und es ist bekannt, dass Herr Putin hier sein ausgezeichnetes Deutsch lernte...
Heute ist das ein parkähnliches Wohnquartier der gehobenen Klasse mit schönen Landvillen.

 

Wir können jeweils, wenn wir müde sind, mit unseren heiss geliebten Brompton-Fahrrädern zurückfahren zum Siesta-Machen auf  die VERANDEREN. Eine Woche in Potsdam voller Eindrücke und Staunen neigt sich langsam dem Ende zu und es wird Zeit für uns, einen ruhigen Platz zu suchen, wo wir unser Steuerhaus lackieren und warten wollen, bis die Hochsaison in Berlin vorüber sein wird.

 

Wie viele Monate hätte vor 22 Jahren der Schöpfer dieser Etikette riskiert?

 


Mit leiser Wehmut laufen wir aus dem Potsdamer Yachthafen aus mit Fahrziel Spandau. Wir genossen unseren Logenplatz am Dampfschiffsteg. An der Schleuse Spandau weist mich der Schleusenwärter in unmissverständlicher Art zurecht, weil ich, wie in Holland üblich, gleich nach einem Berufsschiff in die Schleusenkammer einfahren will. „Für det jerosse Schpoortschiff im Unterwasser is et immer noch nicht jerüün. Nur weel se jeross sind, könnense nich eenfach loosfahren!“ Und wie ich dann stoppe, schaltet er auf Grün... Damit wäre klar, wer das Sagen hat hier.

 


Berlin-Spandau. Fluglärm wie zu den besten Zeiten in Kaiserstuhl! So alle 45 Sekunden dröhnen die voll aufgedrehten Triebwerke der startenden Flugzeuge über unsere Köpfe. Wir bleiben so lange hier, wie nötig. Nämlich genau eine Nacht. Und starten dann frohgemut Richtung Oranienburg im Norden. Nach nur einer Stunde Fahrt am Beginn des Oder-Havel-Kanals vor Henningsdorf stoppt uns die Wasserschutzpolizei mit Blaulicht. Der Kanal ist gesperrt bis 15 Uhr, weil eine Weltkriegsbombe geborgen und entschärft wird. Für uns aufregend und neu, ist diese Situation für die Menschen in und um Oranienburg schon fast Routine. Hier standen vor und im Krieg zwei Konzentrationslager (KZ Oranienburg und KZ Sachsenhausen). Hier war der Sitz der zentralen Verwaltung für alle Konzentrationslager und hier war auch ein SS Wachbataillon stationiert. Die Allierten zerbombten die Stadt fast vollständig. Aus dieser Zeit liegen noch eine unbekannte Zahl von schweren Bomben im Boden. Wer hier bauen will, muss erst das Bombensuch-Prozedere durchmachen.

 

27. Juli
Heute sind wir mit dem Velo die Orte in Oranienburg abgefahren, an denen die Nazis ihre Verbrechen begangen haben. Vom KZ Oranienburg existiert nur noch ein Teil der Aussenmauer mitten in einem Wohn- und Gewerbegebiet. Das Klinkerwerk, in dem die Häftlinge des KZ Sachsenhausen sich zu Tode schuften mussten, ist bis auf den Hafen und ein SS-Gebäude plattgewalzt worden. Es ist der Stadt Oranienburg hoch anzurechnen, dass sie, spät zwar, aber immerhin, mehrere Gedenkstätten eingerichtet hat, die an die Ereignisse erinnern. Vom KZ Sachsenhausen existiert die intakte Mauer, das Eingangsgebäude mit dem schrecklichen Motto ARBEIT MACHT FREI am Tor, einige wenige Baracken (zwei davon wurden 1992 bei Brandanschlägen von Neonazis fast ganz zerstört), die Werkstätten und das interne Gestapo-Gefängnis. Krematorium und Hinrichtungsstätten, bei denen ich auf Details verzichten möchte. Der Vollständigkeit halber wollen wir aber auch erwähnen, dass Teile der „Anlagen“ von den Sowjets übernommen wurden, in denen ebenfalls Tausende zu Tode kamen. Wir sind sehr still und nachdenklich zurückgefahren. Voller Fragen. Zu was Menschen fähig sind! Merkwürdig- in nächster Nähe zum KZ die bünzligen Einfamilienhäuschen, wohl zum Teil aus der DDR-Zeit, hie und da „geschmückt“ mit Gartenzwergen...