Logbuch

Samstag, 11. April 2015

VERANDEREN liegt gut vertäut im Hafen von Huizen, 34 km östlich von Amsterdam und nördlich von Hilversum gelegen am Gooimeer. Rund 900 km Fahrt im vollbepackten Mietwagen liegen vor uns, die wir in zwei Etappen bewältigen werden. Irgendwo in Huizen werden wir ein B&B-Zimmerchen beziehen können, bis unser Schiff wieder bewohnbar sein wird. Wir werden 8000 Liter Wasser einfüllen und damit dann gut sechs Wochen komfortabel leben können. Es gibt ein Wiedersehen mit den Hafenmeistern Mathieu, Mark und Jaap und den Schiffsnachbarn Marian und Fons.

Freitag, 17. April 2015

Los geht’s!

Zeitpläne sind gut, taugen aber für das Schifferleben nur sehr bedingt. So haben wir unsere Abreise auch jetzt den Umständen anpassen müssen. Wir erwarten noch einen Handwerker auf dem Schiff. Der ist aber in Frankreich gefragt und so passen wir uns eben an.


Mit etwas Wehmut fahren wir am 17.April weg und lassen unsere Winzigwohnung und mein Atelier zurück. Es ist nicht immer ganz einfach, von der einen Welt zu Hause in die andere auf dem Schiff zu switchen. Liebgewonnene Gewohnheiten zurückzulassen und sich auf Neues, Unbekanntes einzulassen.

Mittwoch, 6. Mai 2015

Seit bald drei Wochen sind wir wieder auf dem Schiff. Zwei Wochen lang haben wir VERANDEREN erst einmal gründlich vom Wintermief befreit und vor allem alles gebunkert, was uns das Leben auf dem Schiff angenehm machen soll. Kaum zu glauben, was da alles an Fressalien, Getränken, Haushaltgegenständen angeschleppt werden muss. Zum Glück verfügten wir noch über unser Auto. Andernfalls wärs zur Schwerarbeit geworden. Und wenn wir schon in einem guten Hafen liegen wird auch gleich noch Material eingekauft, um irgendwann im Laufe des Jahres die Winterabdeckungen für die Kukuks (Oberlichter) zu erneuern. Und im Bioladen gibt’s das einzig essbare Brot in Holland. Das sieht auch wirklich aus wie richtiges Brot und riecht auch so. Holländisches Brot ist eine Strafaufgabe! Man glaubt es kaum- ich hatte im Herbst alle holländischen Wasserkarten in die Schweiz mitgenommen, um neue Fahrten vorzubereiten. Was ich dann prompt nicht gemacht habe aus Zeitmangel. Dafür habe ich die Dinger, die wirklich unentbehrlich sind für uns, zu Hause vergessen. Also auf nach Almere, um neue zu kaufen. Wir haben die zwar auch in digitaler Form auf dem Schiff. Es fühlt sich aber immer noch gut an, den Weg auf einer richtigen Karte planen zu können.

 

Jetzt sind wir unterwegs nach Friesland, um dann via Groningen nach Deutschland mit dem Ziel Berlin zu fahren. Momentan ist Warten angesagt, es fegen heftige Böen über das flache Land. Da ducken wir uns besser gut angebunden und lassen das vorbeigehen. Beim Einkauf mit unseren Brompton Fahrrädern in Blokzijl hat es beide vom Fietsweg geblasen ins grüne, grüne Gras hinaus! Ich bringe immerhin satte 90 Kilo auf die Waage. Neben unserem Liegeplatz blühen Tulpen auf riesigen Flächen. Land-Art pur, grossartig!

 

Vorgestern sind wir in Vollenhove an einer Werft vorbeigefahren, von der wir wussten, dass die Stäfner Weinbauern Stefan und Maya Reichling ihre SEELAND liegen haben und gelegentlich daran arbeiten, wenn ihnen das ihre Arbeit zu Hause erlaubt. Und sie waren da, Maya hat uns dann mit dem Auto „verfolgt“ und so wurde unverhofft ein schöner Abend mit gemeinsamem Nachtessen daraus. Wir dürfen so zwei neue Namen in unsere Rubrik „Leute, die wir mögen“ einfügen!

 

 

 

11. Mai 2015
Man hatte mir (oder war ich es selbst?) nach meiner Augenoperation voriges Jahr in Groningen den Übernamen „Captain Flint“ gegeben. War der nun wieder einäugig, einbeinig oder gar beides? Auf der CATANIA unserer Schiffs-Freunde Brigitte und Hans Peter Wille habe ich dann meinen Leidensgenossen, den Kater Leo getroffen- einäugig! Bloss wirkt der gar nicht leidend, sondern er hat sich einfach prima auf die neuen Gegebenheiten eigestellt und macht seine Antrittsbesuche auf anderen Schiffen, Werften, Stegen wie zu seinen besten Zeiten mit zwei Augen.

 

 

Schiffskater Leo

14. Mai 2015
Auf dem Blumenmarkt in Leeuwarden lassen uns zwei wunderschöne Kistchen mit Steingartenpflanzen keine Ruhe. Und so kaufen wir uns erst eines, dann auch das zweite ziemlich spontan und schnell. Der Transport vom Markt zum etwas weit entfernten Hafen stellt sich nun aber als eine rechte Herausforderung dar. Wir sind nämlich mit den Velos hier und die Kistchen sind eben eher Kisten. Nicht sehr gross zwar, aber sauschwer, weil aus Stein. Die Nutzlast unserer Brompton Fietsen ist begrenzt und nachdem mir mein Velo letztes Jahr in Amsterdam geklaut wurde, habe ich keine Lust, das neue, schöne schwarze Bijou mit Übergewicht kaputt zu machen. Geen probleem, meint der Gärtner auf dem Markt. Wo wir denn zu Hause seien, er bringe die Dinger am Abend nach dem Zusammenräumen mit dem Lastwagen in den Hafen. In Holland ist vieles geen probleem, was zu Hause ziemliches Kopfzerbrechen macht. Und so stehen unsere beiden Gartenkistchen jetzt auf der Holzterrasse und das erste Entenpaar hat das auch bemerkt und nestelt einzelne Pflanzen zum Verzehr heraus. Ist ja auch edlerer Food als die ewige Algenpickerei!

 

 

Farbenrausch auf dem Leeuwarder Blumenmarkt

21. Mai 2015
Was sich fotografisch schlecht dokumentieren lässt, ist die Atmosphäre im Lauwersmeer, ganz zuoberst in den Niederlanden. Gleich hinter dem Damm ducken sich die kleinen Häuschen der ehemaligen Fischer. Denn Fischen, da soll niemand Illusionen haben, ist heute eine industrielle Arbeit, die von grossen Fangflotten bewerkstelligt wird. Der Damm schützt vor Springfluten, die früher ganze Dörfer kaputt geschlagen hat. Geblieben aus diesen vergangenen Zeiten ist das gemächliche Alltagstempo. Man ist mit dem Fahrrad, der Fiets, unterwegs und macht da und dort sein Schwätzchen. Wir tauchen draussen auf den vorgelagerten Inseln ab in eine andere Zeit. Texel, Vlieland, Terschelling, Ameland und Schiermonningskoog (man spricht das als „S-chiir-moonings-kooch“ aus, was mich einige Anstrengung gekostet hat). Wir durchstreifen die Inseln mit unseren Velos, manche haben keinen Autoverkehr, und geniessen unsere neue Leidenschaft. Entschleunigung nennen das die nicht Entschleunigten. Hier ist das Normalität. Dünen, manchmal Kiefernwälder, eine verlassene deutsche Radarstation als Teil irgendeiner Verteidigungslinie im Weltkrieg II. Der feuerrote Leuchtturm weist nachts den Schiffen in der Nordsee den Weg. Bloss, den Leuchtturmwärter hat man auch hier durch Elektronik ersetzt.

 

Schwer zu vermitteln auch, wie offen und liebenswert das Hafenmeisterpaar Fred und Tsjippi uns aufgenommen haben. Fred kann alles reparieren auf Schiffen. Und die zerbrechlich wirkend Tsjippi hält alles zusammen, wenn es zu zerdröseln droht. Beide wollen wieder auf dem Schiff leben, das Haus ist ihnen zu eng geworden. Fred, immer in Arbeitshosen, gewohnheitsmässig mit etwas nach vorne gebeugter Haltung vorwärtsstrebend zur nächsten Problemlösung wie einer, der immer Gegenwind hat. Wir mögen euch sehr und kommen irgendwann wieder!

 

 

Liegeplatz unter den Mühlen von Dokkum

27. Mai 2015
Groningen, unser Heimathafen eigentlich, empfängt uns mit Hagelschlag. Wir meinen wirklich die weissen Körner, weil die Niederländer lieben ihren „Hagelslag“ heiss. Sie belegen, vorzugsweise zum Frühstück, aber auch sonst gerne immer, ihre Brote mit den kleinen Körnchen aus Schokolade oder gefärbtem Zucker. Übrigens, liebe Holländer verzeiht mir, das holländische Brot mahnt mich immer irgendwie an Gummibärchen!

 

 

Winter in Groningen?

31. Mai 2015
Mögt ihr Brockenhäuser? Den leicht muffigen Duft von Vergangenem? In Holland liebt man die. Hier in Groningen gibt es eines, in dem man sich ein Regalfach mieten kann für eine Woche oder zwei oder einen Monat und in dem man seine Sachen zum Verkauf anbieten kann. Alles, was irgendwie alt ist, verschroben, originell, schräg. Und der hier gewährt sogar noch 20% Rabatt auf alles!

 

 

 

 

Unterwegs im Eemskanaal von Groningen nach Delfzjil. Für Schweizer manchmal fast nicht zu fassen, was man alles auf dem Wasser transportieren kann. Hier, so vermuten wir, sind es wohl Stahl-Rumpfelemente für den Bau eines Schiffes. Gewicht: schlaffe 860 Tonnen!

 

 

Dem Ingeniör ist nichts zu schwör!

30. Mai 2015
Das Kerlchen sieht herzig aus, nicht wahr? Die Wahrheit ist: der Kerl ist ein echter Terrorist! Was wir nämlich beim Anlegen an den hohen Dalben nicht bemerkt hatten: er hat oben mit seiner Frau ein Nest gebaut und sie hatte, wie sich das gehört, fünf Eier reingelegt. Und jetzt waren wir für ihn zu Feinden geworden, die seiner zukünftigen Familie an den Kragen wollten. Seine Stuka-Angriffe waren nicht bloss Drohgebärden. Nein, er hat Thesi eine ziemliche Schnittwunde in den Kopf gehauen und mir, der sich nur noch mit dem Velohelm nach draussen wagte, denselbigen mit erstaunlicher Treffsicherheit tüchtig verschissen.