Logbuch

Wie oft haben wir sie besucht, die Galerie „De Vis“ in Harlingen. Die Galeristin ist selber ein Kunstwerk. Zu guter Letzt hat sich Thesi einen langgehegten Wunsch erfüllt und sich den wahrscheinlich weltweit wunderbar kitschigsten Spiegel gekauft, den man sich vorstellen kann.

Es bleibt noch Zeit, um in den Harlinger Gassen die kleinen Läden zu bestaunen. Hier hat man noch Zeit für einen kleinen Schwatz.

Thesi’s Bioladen „De Roode Ploeg“ an der Hoogstraat.

Montag, 21. Mai

Wir beginnen damit, all die wichtigen und weniger wichtigen Sachen, die wir nach Hause bringen wollen, zu verpacken und ins Auto zu verladen. Vieles bleibt auf dem Schiff, so etwa beinahe das gesamte Werkzeug samt diversen Schleif- und Bohrmaschinen. Grosses Erstaunen, was da im Laufe unserer Zeit auf dem Schiff alles zusammen gekommen ist. Immerhin haben wir einen veritablen Haushalt und eine gut ausgerüstete Werkstatt betrieben. Ohne jetzt mit Details zu langweilen sei gesagt: unser grosser Renault Traffic wird proppenvoll. Und damit nicht genug, er wird auch bei der letzten Fahrt wieder stark beladen sein. Ich lösche nach und nach alle unsere Verkaufs-Einträge in den Internet-Portalen. 

Sonntag, Montag, 27./28. Mai

Unser kleiner „Schwertransport“ ist unterwegs in die Schweiz. Schon seit längerer Zeit tun wir uns das nicht mehr in einem Tag an. Es gibt schon schönere Dinge im Leben, als auf der linken Spur der deutschen Autobahn an den hunderten Lastwagen vorbeizufahren, immer mit Blick in den Rückspiegel, um rechtzeitig wieder nach rechts einzuspuren, wenn sich von hinten der nächste Kamikaze-Flieger nähert. Hotel Kauzenburg in Bad Kreuznach heisst unser erstes Etappenziel.  
Zu Hause werden wir wie immer herzlich empfangen. Der Bergfrühling geht in den Bergsommer über. Zur Begrüssung wird grad mal die frisch gemähte Matte neben dem Haus gegüllt. Berner Oberland, du hast uns wieder! 

Dienstag, 29. Mai

„We did it!!!!!“ Völlig überraschend, viel früher als in den kühnsten Träumen erhofft, teilt uns Ruud Thomas mit, dass wir die BTW-Verklaring bekommen haben (Nachweis, dass die Mehrwertsteuer bezahlt ist). Ein Papier, das uns schlaflose Nächte beschert hat. Zur Erklärung: in den Niederlanden beträgt der Mehrwertsteuersatz 21%. Und die müssen beim Verkauf eines neueren Schiffes vom letzten Eigner nachbezahlt werden auf dem Neupreis berechnet, wenn dieses Papier oder die Original-Rechnungen fehlen... Für uns ist diese Nachricht wie ein Befreiungsschlag!

Freitag, 1. Juni

Ein tiefes Dröhnen wird langsam lauter und weckt uns aus dem Schlaf. Klar, Alpauffahrt, unser Nachbar hat seinen Kühen zur Feier des Tages die ganz dicken Dinger umgehängt, die Tiere sind übermütig und merken, wohin die Fahrt geht, sind kaum im Zaum zu halten und setzen immer wieder zu wilden Ausbrüchen an. Schön sind sie anzuschauen, die mächtig stolzen Tiere. Jetzt wissen wir, der Sommer beginnt.

Mir dem Raddampfer „Lötschberg“ auf dem Brienzersee

 

Samstag, 9. Juni

Wir können es nicht ganz lassen, kaufen uns Karten für die Fahrt mit dem Brienzersee-Dampfer „Lötschberg“ zum Hotel Giessbach. Ihr wisst schon, die Stiftung Franz Weber hat das Hotel vor dem Abriss gerettet und die vielen Spendengelder haben es möglich gemacht, dem spektakulär gelegenen Hotel zu neuer, alter Grandezza zu verhelfen. Was haben die damals schon für wunderschöne Häuser gebaut. Ich stelle mir die eleganten Gäste in grossen Hüten und langen Roben vor, vielleicht mit diesen überlangen Zigarettenhaltern. Und dann höre ich in meiner Phantasie schon das Salon-Orchester, das zum Tanz im grossen Saal aufspielt. Am meisten aber gefällt mir das schnuddelige, rote Seilbähnchen, das uns in wenigen Minuten vom See nach oben zum Hotel bringt. Leute, da habt ihr euer Geld für was ganz Tolles gespendet!

Donnerstag, Freitag, 7./8. Juni

Wir sind so etwas wie in einem Astronauten-Training, wo Schwerelosigkeit geübt wird, die aber noch supponiert ist. Die neuen Eigner sind noch nicht ganz so weit mit der Versicherung, es werden noch Vollmachten hin und her geschickt. Die Werft steht bereit, wenn die neue Versicherung einen Survey anordnet. Wir entscheiden uns, wieder nach Harlingen zu fahren, um bereit zu sein, wenn der letzte Akt beginnt. Martin erarbeitet ein Manual, das Erklärungen für alles Mögliche liefert, das neue Eigner wissen müssen. Und wie immer; das Schiff muss wieder auf Vordermann gebracht werden. Wir sollen die neue Crew begleiten bis Bremerhaven, die Tour will vorbereitet sein, wir bekommen wie schon so oft wertvolle Tipps von der Kinette-Crew, die das schon gefahren ist. Weil das nordfriesische Wetter grad wieder einmal nicht so doll ist, sind wir froh, etwas zu schaffen zu haben. 

Mittwoch, 13. Juni

Ausflug in die europäische Kulturhauptstadt 2018 Leeuwarden. Lädelen, einen schönen Capuccino in der dunklen Beiz, wir leisten uns als Andenken an unsere Zeit in Friesland eine tolle, knallgelbe Vase, schlendern zwischen herrlich vollen Käse- und Blumenläden, schauen dem Friseur in seinem Anno-dazumal-Salon bei der Arbeit zu (erinnert ihr euch an die Pitralon-Flasche und die sauber gefrästen Männernacken?). Eigentlich sind wir aber nach Leeuwarden gefahren, weil sich Thesi vor vier Wochen eine plötzlich und schnell wachsende Wucherung innen an der Lippe herausschneiden lassen musste. Was übrigens ziemlich viel Überredungskunst von uns brauchte, bis ein Arzt bereit war, das zu machen. In Holland läuft nichts ohne den ersten Besuch beim Hausarzt. Dieser wiederum will die Bürgernummer von uns wissen, die wir als Ausländer natürlich nicht haben. Ohne Bürgernummer geht eigentlich auch nichts... Aber als Thesi kommuniziert, dass sie bar bezahlen will, wird es dann doch möglich. Den Laborbericht möchten wir aber schon haben und weil er einfach nicht kommt, fahren wir eben selber hin und holen ihn uns.

Freitag, 15. Juni

Warten ist angesagt für uns. 
In Harlingen rückt das alle vier Jahre stattfindende Tall Ship Race näher (www.TSRH2018.nl). Tall Ships sind die grossen Rahsegler. Rah’s sind die meist viereckigen Segel, die  an runden, waagrecht stehenden Hölzern geführt werden.  Ihr kennt sie alle aus den Piraten- und Entdeckerfilmen. Zur Einstimmung spielt die Marinierskapel Koninklijke Marine Netherland (www.marinierskapel.nl), ein fünfzig mann/frau-starkes Super Orchester. Nichts da mit dumpfer bum-bum-Marschmusik, aber Musikgenuss auf höchstem Niveau. Weil Leeuwarden heuer die Kulturhauptstadt Europas ist, hören wir auch fein gesponnene lyrische Stücke in friesischer Sprache. Unten am neuen Pier der Wattensegler beziehen neue Gäste ihre Kabinen und langsam legt eines nach dem anderen dieser schweren Traditionsschiffe ab zur Fahrt auf die Inseln. Wir genehmigen uns die obligaten Chips mit Mayo und radeln dann zufrieden raus zu unserem Liegplatz.

Dienstag, 26. Juni

Wir fahren VERANDEREN am Morgen sehr langsam und vorsichtig an den Kran der Werft Multiship und ziehen sie von Hand in die richtige Position in die Gurten, bevor die 84 Tonnen hochgezogen und auf den Werkplatz gestellt werden. Immer wieder ungläubiges Staunen, wenn das schwere Schiff nur auf zwei runden Stahltonnen mit vier untergelegten Hölzern liegt. Auch heftige Böen vermögen da nichts auszurichten. Itch und ich beginnen gleich damit, die verschweissten Anoden abzutrennen und die Halterungen für die neuen Zink-Anoden zu montieren, die dann verschraubt werden, was das Wechseln in Zukunft einfacher macht. Die Anoden oder Hunger-Anoden, wie wir sie auch nennen, verhindern die schnelle Korrosion des Rumpf-Stahls. Das Phänomen ist etwas schwierig zu erklären. Sehr vereinfacht ausgedrückt: Wenn Stahl im Wasser liegt, entstehen elektrische Ströme, die den Stahl angreifen. Weil das Material der Anoden anfälliger oder weniger „edel“ ist, findet die Korrosion eben hier statt, das Zink oder Aluminium oder Magnesium wird „gefressen“. Weil VERANDEREN in Zukunft im Salzwasser liegen wird, braucht sie Anoden aus Zink, weil Aluminium viel zu schnell „weggefressen“ würde (Salzwasser ist agressiver). Am Abend sind die Halterungen montiert und ich reinige den Rumpf mit dem Hochdruck-Reiniger. Vergesst den Kärcher! Das Ding hier hat einen so hohen Druck, dass ich aufpassen muss, nicht nach hinten umzufallen. Morgen werde ich dreimal Primer an den blanken Stellen malen und dann beginnt der Farbaufbau bis zum finalen Antifouling.

Die alten Süsswasser-Anoden sind weg.

 

Die Halterungen für die neuen Zink-Anoden sind montiert. Der Stahl kriegt einen neuen Antfouling-Anstrich.

Donnerstag, 28. Juni

Itch montiert die neuen Zink-Anoden. Um 17 Uhr fährt Ruud mit dem neuen Besitzer Lars und seinem Begleiter Fleming aus Amsterdam kommend in Harlingen ein und die beiden haben so die Möglichkeit, das Schiff noch zu sehen, solange es am Kran hängt. Wir beziehen alle das B&B bei Linda Bergsma und geniessen anschliessend ein letztes feines Essen in der Stadt.

Martin entfernt die alten Eignernamen und die alte Heimathafen- Beschriftung am Heck und ersetzt sie durch die neuen Namen. Ein erstes bisschen Wehmut...

 

 

Freitag, 29.Juni

Um 8 Uhr dreht VERANDEREN langsam in den Gurten hängend nach draussen über den Kanal und senkt sich ab ins Wasser. Wir fahren gleich weiter an den Steg, weil anschliessend ein schwerer Brocken eingewassert wird und der Platz frei werden muss. Sachen einräumen, Haushalt organisieren, Abfahrt vorbereiten.

Samstag, 30. Juni

Wir sind unterwegs nach Leeuwarden-Groningen (zum letzten Mal in unserem Heimathafen) / Delfzijl / über den Dollart / in die Ems / Leer / zur Schleuse Herbrum. Hier läuft gar nichts mehr, viele grosse Schiffe stauen sich im Warteraum, ich sehe Blaulichter flackern, das verheisst nichts Gutes. Nach langen dreieinhalb Stunden Wartezeit können dann endlich auch wir geschleust werden und erfahren, dass sich ein Matrose lebensgefährlich am Kopf verletzt hat. Wieder einmal wird uns klar, wie schnell das Unglück passieren kann, auch wenn’s doch eigentlich einfach aussieht.

Wenn hunderte neue Volkswagen verladen werden müssen wie hier in Emden, bleibt ein gutes Schiffs-Design halt auf der Strecke.

 

Die Schräglage der Tonnen in der Ems zeigt uns an, dass wir starke Strömung haben.

 

Die Eisenbahnbrücke über die Hunte bei Oldenburg funktioniert heute, was gar nicht selbstverständlich ist. Die Stahlkonstruktion streikt bei heissem Wetter nämlich und die Brücke lässt sich nicht öffnen.

 

Auf der Unterweser Richtung Bremerhaven.

 

Vor uns die Skyline von Bremerhaven.

 

Einfahrt in die Schleuse zum Neuen Jachthafen.

 

Voraus der alte Leuchtturm Bremerhaven.

Freitag, 6. Juli
Nach einem Tag warten an der Kade in Oldenburg fahren wir in Begleitung eines Lotsen bei ablaufendem Wasser ab der Schleuse Oldenburg in die Hunte und in die Weser. Die Tide zieht stark und VERANDEREN fährt mit komfortablen 17 km/h nordwärts Richtung Bremerhaven. Der Fluss ist breit, die Seeschiffe auch und wir lernen, mit Hilfe der Peilungs-Türme am Ufer unseren Kurs in der Weser optimal zu halten. In der Mitte ist die Tide am stärksten und so fährt man dann auch am ökonomischsten. Kurz vor Bremerhaven bläst der Wind genau in der Gegenrichtung des Tidenstromes und das verursacht hohe Wellen. Es wir bis zur Einfahrt in die Schleuse des Neuen Hafens Bremerhaven sehr ruppig, VERANDEREN rollt und Thesi wird grün...

 

Hafenanlagen Bremerhaven. Ganz vorne bei der Schleuse hat VERANDEREN ihren Liegeplatz zugewiesen bekommen. Hinten links die Krananlagen für die Containerschiffe, in der Mitte die Liegeplätze der Kreuzfahrtschiffe.

 

Historischer Hafen mit dem U Boot „Wilhelm Bauer“. Das Boot wurde am Kriegsende von der Crew versenkt, später gehoben und renoviert. Nichts für Menschen, die Platzangst kriegen!

 

Im Auswanderermuseum schlüpfen wir in die Rolle von echten Auswanderern und erleben ihre Geschichte nach. Bremerhaven war während vielen Perioden der grösste Hafen, in dem sich politisch Verfolgte, Verarmte, Leute ohne Zukunftsperspektive oder einfach Abenteurer nach Amerika einschifften. Der Abschied war fast immer endgültig, die Menschen machten sich auf den Weg mit wenig bis nichts, ausser ihrer Hoffnung. Parallelen zu heute sind offensichtlich.

 

 

Lars arbeitet sich langsam ein.

Samstag, 7. Juli

Eben erhalten wir die Nachricht, dass Fleming’s Schwiegermutter in Dänemark im Sterben liegt. Fleming packt seine Sachen und fährt mit dem Zug nach Hause. Wir richten uns im neuen Hafen Bremerhaven auf einige Tage Wartezeit ein, was uns insofern keine Mühe macht, weil uns ein harter Nordost-Wind (wie fast immer in Bremerhaven) entgegenbläst.

VERANDEREN liegt gleich neben der Schleuse und in unregelmässigen Abständen kündigt der Schleusenwärter (oder sein Computer) die nächste Schleusung an. Er tut das einmal in korrektem Deutsch und dann immer auch in Plattdeutsch. Das hört sich dann so an: „Alle Lüüt, rrrunter von die Brück!“- “Lüüt“ wie in unserem heimischen Dialekt, aber dann mit starrrk rollendem norddeutschem R! Der Fahrrad-Trip in die Stadt ist ernüchternd; eher triste Wohnsilos, Männer mit Bierflaschen schon am Morgen. Nein, vielen hier geht es nicht gut. Der chice neue Hafen ist ein echtes Kontrastprogramm. Tolle Architektur (Kongresscenter, Hotels, noble Wohnbauten). Man strengt sich echt an, den Tourismus zu fördern. Wir fahren mit dem Lift aufs Dach des Hotels, der „Sail City“ und haben hier einen fantastischen Blick über die ganze Stadt, die Weser, die Hafenanlagen, dem Klimahaus, den Lauf der Geeste, die hier in die Weser mündet, den alten Leuchtturm, dem U-Boot „Wilhelm Bauer“. Schiffe und Handel haben die Geschichte hier über Jahrhunderte geprägt. Es riecht nach weiter Welt.

Montag, 9. Juli

Für Binnenschiffer ist es aus hier mit Binnenwasser-Karten. Wir fahren seit Oldenburg im Seegebiet und der nächste Teil unserer letzten Reise wird uns raus in die Deutsche Bucht führen. Bei Jansen Maritiem an der Geeste besorgen wir uns gute Seekarten. Wer sich hier verheddert und nicht Kurs hält, für den wird es ernst. Bis weit hinaus Richtung Helgoland muss man zwischen vielen Untiefen navigieren, die bei Hochwasser harmlos sind, aber bei Niedrigwasser zu Fallen werden. Die Tide (Gezeitenwasser), die hier drei Meter hoch ist, bestimmt die ganze Planung. Wir müssen unsere Fahrzeiten sorgfältig vorbereiten, um jeweils rechtzeitig anzukommen, bevor die Tide kentert und das Wasser in die umgekehrte Richtung ab- oder aufläuft. Das Wetter macht Kapriolen und wir sind etwas unruhig, wollen nicht rausfahren bei Windstärke 5 und Böen um 6 oder mehr. Das ist für ein Schiff mit flachem Boden definitiv zu viel. Also ist Kartenstudium angesagt und wir hören aufmerksam den Deutschen Wetterdienst ab, der in motonem Singsang die ständig aktualisierten Wetterdaten runterleiert, vergleichen mit den Daten des Windfinders. Fleming soll heute Abend spät aus Dänemark zurückkommen. Laut Tidenkalender wäre für morgen Hochwasser in Bremerhaven um 11.28 angesagt. Wenn das Wetter mitmacht, könnten wir bei ablaufendem Wasser durch die Schleuse rausfahren und die rund 110 km in Angriff nehmen.

Dienstag, 10. Juli

Die Wettervorhersage ist okay für heute. Um 12.28 Uhr hat Bremerhaven Hochwasser, für die Fahrt bis Cuxhaven rechnen wir mit 9 Stunden Fahrt. In Bremerhaven läuft die Tide noch etwa eine Stunde nach. Trotzdem schleusen wir durch die Neue Schleuse um halb eins nach draussen und halten Kurs Nordwest, vorbei an den Hafenanlagen, den grossen Containerschiffen, die hier entladen werden. Kurs Helgoland. Nach zwei Stunden ruhiger Fahrt wird die See rauher, der Wind kommt aus Nordost mit Beaufort 5. Wellen, Tide und Wind in entgegengesetzter Richtung, das heisst in der deutschen Bucht: hohe Wellen. Und hier kommen sie hart und unerbittlich von Steuerbord, schräg von vorne. Die Schubladen fliegen raus, was nicht niet- und nagelfest ist, macht sich selbständig. Jetzt muss sich VERANDEREN, die ein Binnenschiff ist mit flachem Boden, bewähren. Sie rollt und schwankt, fällt mit lautem Knall in die Wellentäler. Ich greife erstmals zum Kaugummi, der meine Magensäure unten behalten soll. Erst draussen bei der Tonne „Alte Weser 2“ nach etwa 6 Stunden Fahrt, können wir endlich Kurs Nordost fahren hinein in den Elbstrom. Etwas später kentert auch die Tide und jetzt hilft sie uns von hinten und strömt mit etwa 3,5 Knoten Richtung unserem Ziel Cuxhaven. Für Fleming, der schon so ziemlich alles erlebt hat auf See, ist das nichts Besonderes. Er findet das normal und eigentlich okay...

Vorbei am Containerterminal laufen wir aus Richtung Nordsee.

 

Ich habe im Jachthafen Cuxhaven einen Platz für 25 Meter reservieren lassen. Bei unserer Einfahrt ins Hafenbecken steht die Hafenmeisterin wild gestikulierend auf dem Steg. Ob wir telefoniert hätten, das Schiff sei viel zu gross und zu schwer für den Schwimmsteg, das gehe gar nicht und als ich ihr versichere, dass wir das schon hinkriegen würden, gerät sie in Panik. „Fahren Sie weg, raus, in den Fischerhafen, irgendwohin, nur nicht hierher!“ Wir finden im Arbeitshafen einen unruhigen Platz für die Nacht ,im Tidenwasser natürlich. Das heisst für mich: Wecker stellen, die Taue nachziehen in der Nacht, der Hub (Unterschied  zwischen Hoch- und Niedrigwasser ist hier etwa drei Meter), das auflaufende Wasser schlägt regelmässig gegen den Rumpf. Erst als Niedrigwasser erreicht ist und das Wasser wieder steigt, ist etwas Schlaf möglich. Thesi und ich hatten uns den Abschied vom Schiff etwas anders vorgestellt.

 

Mittwoch, 11.Juli

Leinen los um acht Uhr. Wetter und Wind okay, vor uns liegt unsere letzte Fahrt mit der MS VERANDEREN. Ich geniesse noch einmal das Geräusch der Maschine unter mir, das Schiff pflügt in ruhiger Fahrt durch das Wasser der Elbmündung.

 

Ein Gefühls-Durcheinander ganz innen bei mir und auch bei Thesi, nimmt uns in Beschlag. Wir haben sieben Jahre zusammen verbracht; das Schiff, Thesi und ich. Ich habe Glücksmomente erlebt und das Schiff manchmal zum Teufel gewünscht, wenn ich mich nach stundenlanger Arbeit dreckig und müde unter die Dusche gestellt habe. Manchmal, wenn ich sie da liegen sah, ich gestehe es gerne, war da auch Stolz. Sie ist ein wunderschönes Schiff mit ihren eleganten Linien, wir haben sie gehegt und gepflegt und heil durch alle Schwierigkeiten manövriert. Der Abschied in Brunsbüttel fällt uns nicht leicht, bei beiden fliessen die Tränen, als Lars und Fleming sie langsam wenden und Richtung Ishoj bei Kopenhagen wegfahren.

Wachtablösung, Übergabe des Schiffes an Lars und Hanne

 

Zum letzten Mal dreht  „unsere“ MS VERANDEREN ab durch den Kielkanal. Der Abschied tut weh. Was haben wir alles zusammen erlebt, wir drei!

 

Die neue Crew schickt uns übers Handy ihre Position und läuft in Kiel aus in die Ostsee.

 

Zurück in Harlingen beziehen wir für eine Nacht das kleine Häuschen gleich neben der Werft SRF, auf der wir viele Wochen gearbeitet und gelebt haben, bevor es morgen per Auto nach Hause geht.

MS VERANDEREN behält ihren Namen und ihr Flagge, sie ist weiterhin in den Niederlanden registriert, ihr neuer Heimathafen ist Ishoj bei Kopenhagen. Ihre neuen Eigner Lars Hendriksen und Hanne Cservenka schreiben die Geschichte weiter und werden auch die Website weiterführen. Das Schiff liegt an einem schönen Liegeplatz, etwa 15 km von Kopenhagen entfernt. Ein Traum geht zu Ende und ein neuer beginnt.

 

Lars und Hanne:

Wir wünschen euch Glück und allzeit gute Fahrt, tragt Sorge zu euch und zum Schiff, Auf Wiedersehen!