Logbuch

 

Donnerstag, 5. April

Ich habe im Winter viel Zeit darauf verwendet, den Verkauf des Schiffes vorzubereiten. Weil ich überhaupt nicht begeistert war von den teils sehr dürftigen Dokumentationen, mit denen Broker die Schiffe zum Verkauf anbieten und nicht zuletzt auch von den abenteuerlichen Übersetzungen in andere Sprachen, habe ich mich auf meine Grafiker-Vergangenheit besonnen und mich selber dahinter geklemmt. Herausgekommen ist das, was ihr auf der Titelseite dieser Website anklicken könnt. Dann folgte das mühsame Platzieren unseres Angebotes auf etwa 10 Portalen im Internet. Auch da gibt es frappante Unterschiede. Auf manchen gibt es die Möglichkeit, einen Link zur eigenen Website zu platzieren oder viele Fotos hochzuladen, auf anderen wieder nicht, auch die Kosten sind unterschiedlich und die Serviceleistungen (zum Beispiel die Möglichkeit, die Besuchs-Statistiken zu checken), sind von unterschiedlicher Qualität.

 

Bald schon haben sich erste Interessenten bei uns gemeldet: Tolle gute Kontakte, unverbindlich Zögerliche, undurchschaubare Mail-Adressen, Geldwasch-Angebote, Gwundrige. Und ein Interessent wollte sich das Schiff schnell anschauen.

 

Wir haben uns entschlossen, vorzeitig nach Harlingen ins Niederländische Friesland zu fahren und das Schiff, das natürlich noch zugedeckt im Winterschlaf döst, in einer schnellen Aktion unsanft aufzuwecken. Eine Hauruck-Übung, die uns ein Arbeits-Wochenende beschert.

 

 

Freitag, 6. April

Ankunft in Harlingen, erster Besuch des Schiffes. Sieht erstaunlich gut aus, die Vögel haben sich andere Ziele für ihre Schiess-Übungen ausgesucht und weil es am Liegeplatz in der Werft keine Bäume gibt, sind an Deck auch keine Kräutchen gewachsen. Abtauchen ins zugedeckte Innere und in den Maschinenraum. Das Schiff wurde im Winter nicht beheizt, sieht alles normal und gut aus, kein tropfender Wasserhahn, keine Feuchtigkeit, riecht gut! Wir beginnen gleich mit dem Einräumen des mitgebrachten Materials und beziehen dann „unser“ B&B bei Linda und Albert Bergsma, fünf Minuten vom Schiff entfernt. So können wir morgen die Auswinterungsarbeiten beginnen und haben noch eine Zeitreserve, sollte etwa die Heizung keine Lust haben, ihren Betrieb aufzunehmen.

 

 

Montag, 9. April

Alles bereit für den angekündigten Besuch aus London. Noch schnell etwas zum Apéro einkaufen, der Mann wird vielleicht mit leerem Magen anreisen. Dann kommt die Mail „Flug gecancelt wegen dringenden Angelegenheiten, die meine Anwesenheit erfordern“... Die ganze Anstrengung umsonst gemacht. Wie oft schon haben wir uns auf dem Schiff den Wünschen anderer angepasst, Flexibilität gezeigt und sind dann mit einer ZWEI am Rücken dagesessen!

 

Freitag, 13. April

Zwei Besucher auf der VERANDEREN in kurzer Zeit. Beiden gemeinsam ist, dass sie beabsichtigen, in Zukunft mit vier Gästen Charterfahrten in Frankreich anzubieten.  Das scheint der Trend zu sein: Weg von den Billigangeboten hin zu komfortablem, individuell gestaltetem Reisen mit feiner Küche und einem parallel dazu laufenden Kulturangebot, bei entsprechenden Preisen versteht sich.

 

Christoph und Carla erhalten anlässlich der Übernahme des neuen Schiffes die Schiffsglocke überreicht

 

 

Sichtlich stolz auf ihre Arbeit posiert die Führungscrew der Werft SRF Harlingen vor der MS Chistobelle

 

Samstag, 21. April

Schiffstaufe der CHRISTOBELLE, dem funkelnagelneuen Schiff, das sich Christoph Ogi bei SRF hat bauen lassen. Eine lange Periode der Planung, des eng begleiteten Bauens, mit den unvermeidlichen Ärgern und den tollen Momenten, die bei solchen Projekt einfach dazu gehören, geht jetzt über in die Lern-Periode für Christoph. Er muss lernen, wie man ein solches Schiff fährt. Hat nichts zu tun mit dem Fahren eines Motorbootes oder einer Yacht. Und es ist auch nicht vergleichbar mit Autofahren-Lernen. Er muss die Eigenheiten seines Schiffes kennen, erleben, wie er sich im Wind verhalten muss, die 60 Tonnen spüren, die er bewegt. Er wird gute Aha-Erlebnisse und hie und da frustrierende Momente erleben und immer besser werden. Unsere guten Wünsche begleiten ihn und sein wunderschönes Schiff!

 

Dienstag, 24. April

Ursprünglich wollten wir diese Woche nach Leeuwarden fahren. Hatten aber nicht realisiert, dass die Holländer am Wochenende vorher den Koningsdag feiern, den Geburtstag des Königs. Alles in orange, alles auf dem Wasser (was jedenfalls nicht mit dem Wohnwagen Richtung Süden unterwegs sein wird), alles in Hurra-Stimmung und gleich daran anschliessend die Frühlingsferien. Das warten wir noch ab und verschieben uns dann gemächlich, wenn sich der Sturm gelegt hat. Geniessen unseren Komfort, wenn’s draussen ruppig ist, feuern den Ofen ein und halten lange Siestas.

 

Samstag, 28. April

Christoph, der Eigner der neuen „Christobelle“ kommt mit seinem Computer vorbei. Wir wollen zusammen durchgehen, was er für Checks machen muss in Zukunft, welches Reinigungsmittel wir hier verwenden und da nicht, wann der Sanibroyeur Entkalkungsmittel erhält, wie wir überwintern, was zu tun ist bei Flugrost (wenn’s denn überhaupt ein probates Mittel dagegen gäbe), wie oft wir Ölwechsel machen, die Ventile einstellen lassen, wie wir Malerarbeiten machen und mit welchen Materialien, ob wir Zusätze in unsere Trinkwassertank beigeben (tun wir nicht), aber sehr wohl geben wir ein Mittel bei im Schmutzwassertank, wie wir das Schiff festmachen, wie bei Wind und Strömung von hinten anlegen. Es gibt noch viele, viele andere Dinge, die irgendeinmal zum Thema werden auf dem Schiff. Zuviel Information auf einmal kann niemand verarbeiten.

Anschliessend geht’s (nach einem gemütlichen Zmittag im „Noorderpoort“ auf sein Schiff. Wo steht denn nun seine Wasserpumpe, wo verläuft die Schmutzwasserleitung. Ich sehe Instrumente und Bildschirme, die wir so nicht kennen. Die Technik macht schnell Fortschritte. Für mich dann manchmal etwas beunruhigend, wenn viel Elektronik eingebaut ist, die ich nicht wirklich verstehe und vor deren Versagen mir graut. Ist schon erstaunlich, wenn man sehr alte Schiffe sieht mit Kettensteuerungen und daneben dann diese vollgepackten Hightech-Dinger stellt. Und dann noch erlebt, wie die alten Kähne mit grosser Selbstverständlichkeit durch engste Brücken gezirkelt werden. Ohne irgendwelche Probleme!

 

Samstag, 5. Mai

Ein dritter Besuch aus Berlin, der sich für unser Schiff interessiert. Wir hatten allerdings für Sonntag abgemacht. Nun, flexibel geworden sind wir auf dem Schiff. Während des Nachmittags und am Sonntag röntgen die beiden die VERANDEREN und dabei kommen immer mehr Veränderungswünsche zum Vorschein. Ist man erst einmal Besitzer eines Schiffes, kann man damit anstellen, was einem beliebt. Als ich aber mitbekomme, wie viel Feuerholz auf dem Schiff gelagert werden sollen, bleibt  mir schon der Mund offen. Ganz schön anstrengend, solche Besichtigungen.

 

Der „Alte Hase“ Ruud Thomas steigt für uns noch einmal in die Broker-Hose, um uns durch das Vorschriften-Gestrüpp zu lotsen

 

Donnerstag, 10. Mai

Aus London reist Anthony an. Ruud Thomas, unser „Begleiter“ auf dem steinigen Weg zum Verkauf des Schiffes, holt ihn in Schiphol ab. Am Mittag treffen sie ein, endlich sehen wir den Mann, den wir so lange nur wahrgenommen haben dank der wenigen Mails mit ihm. Wir waren uns lange nicht sicher, ob er überhaupt real existiert. Nun steht ein äusserst freundlicher, eleganter Mann am Schiff und wir machen zusammen eine intensive Besichtigung des Schiffes. Wir verstehen uns prima und wir spüren, er könnte es sein. Die Überführung über den Ärmelkanal ist ein Thema, das intensiver besprochen werden muss, ist aber lösbar. Nun hängt der Kauf nur noch ab vom Liegeplatz in London auf der Themse, den Anthony anstrebt, aber noch nicht definitiv zugesagt bekommen hat. Wir verabschieden uns am späten Nachmittag mit sehr guten Gefühlen.

 

Lars und Hanne haben eben per Handschlag die MS VERANDEREN gekauft

 

Kaum eine Stunde später fährt an der Kade ein Auto mit weissen Nummernschildern vor. Deutschland vielleicht oder Polen? Ich mache dann aber die rote Umrandung des Schildes aus; „Dänemark, logisch!“. Lars und Hanne aus Kopenhagen mit einem befreundeten Paar beisst die Neugier, sie wollen schon am Ankunftstag ein Auge voll nehmen. Die Besichtigung des Schiffes mit ihnen ist vorgesehen für morgen. Und so sitzen wir schon wieder bei Kaffee mit Zubehör am Tisch. Wir merken schnell, Lars hat sich längst verliebt in die VERANDEREN! Sein Freund Fleming, beginnt gleich, das Schiff zu inspizieren und ich konstatiere- der kennt sich aus und weiss, wo er genau hinschauen muss. Er würde dann im Falle eines Kaufes mit seiner Frau Mette und uns das Schiff überführen...

 

 

Freitag, 11. Mai

Jetzt wollen sie es genauer wissen. Die Männer verkriechen sich in den Maschinenraum und die Frauen lassen sich von Thesi den Wohnteil zeigen. Ruud Thomas ist wieder aus Amsterdam angereist und beantwortet alle Fragen, die zu tun haben mit der Kaufabwicklung, den Fahrlizenzen etc. Die Zeit vergeht im Flug und heute finde ich das Ganze überhaupt nicht anstrengend. Thesi bereitet für uns sieben Leute am grossen Tisch ein kleines Zmittag vor mit Brächt’s Alpkäse und Trockenwurst aus dem Berner Oberland und irgendwie ist klar; das sind die neuen Besitzer! Beim Kaffee besiegeln wir den Kauf altmodisch per Handschlag. Selbstverständlich kommen noch viele bürokratischen Annehmlichkeiten auf uns zu, das wird uns dann in den kommenden Tagen schon noch bewusst werden. VERANDEREN wird in der Nähe von Kopenhagen einen wunderbaren Liegeplatz erhalten, gleich vis à vis des Kunstmuseums.

 

Montag, 14. Mai

Jetzt kommt es aber knüppelhart! Was ich irgendwie schon immer befürchtet hatte, stellt sich als Realität heraus. Wir hatten, als wir das Schiff damals gekauft hatten, nie eine BTW-Konformitätserklärung (Niederländische Mehrwertsteuer) erhalten. Da das Schiff von Privat an Privat verkauft wurde, habe der erste Eigner ja die BTW bezahlt und damit sei die Sache erledigt. Und ich hatte doch noch zweimal nachgefragt, auch bei Fachleuten, die mir das jeweils gleichlautend bestätigt hatten. Das ist aber nur fast richtig und gilt für Schiffe, die vor dem Jahre 1998 (auch hier gibt es unterschiedliche Angaben) gebaut wurden. Bei allen neueren Schiffen muss diese Konformitätserklärung vorliegen. VERANDEREN hat Jahrgang 2001!

 

Jetzt beginnt die Suche nach der früheren Eignerin. Vielleicht, wer weiss, hat sie noch Belege von damals. Parallel dazu kontaktieren wir die Handwerker, die am Bau beteiligt waren, Detektivarbeit pur. Immerhin erzielen wir einen ersten Erfolg. Jelmer Valk in Groningen, der die ganze Technik eingebaut hat, verfügt tatsächlich noch über alle!! Rechnungen. Und ich finde die Adresse der früheren Eignerin. Es könnte sein, meint sie am Telefon, dass sie das „Zeug“ noch irgendwo aufbewahrt habe... Beim Ausmisten kürzlich habe sie sich überlegt, ob sie alles wegschmeissen solle, es seien ja schliesslich sechzehn Jahre ins Land gegangen. Ich fahre nach Assen. Sie hat tatsächlich ein dickes Bündel Rechnungen, Briefe, Pläne, alles wild durcheinander, auf dem Tisch liegen! Mir läuft es kalt den Rücken runter und ich fahre schnurstracks zurück auf das Schiff, wo Ruud Thomas darauf wartet, den ganzen Packen nach Amsterdam mitzunehmen.

 

Die Vor-Eignerin Marieke Bosma ist tatsächlich in ihrer „Buchhaltung“ fündig geworden

 

Dienstag, 15. Mai

Schon früh am Morgen ruft Ruud an. Er habe sich gedacht, ich wolle doch wohl wissen, was er in der Nachtschicht herausgefunden habe. Und ob ich das wissen will! Die vorliegenden Belege und Rechnungen würden geschätzte 80 % der tatsächlichen Arbeiten abdecken, vielleicht auch mehr! Für alle grossen Aufträge wie den Kauf des Rumpfes, die gesamte Technik, den ganzen Innenausbau, den Kran, ist alles da und die Steuerabrechnungen sind belegt.

 

Er bereite das Material jetzt auf und schicke es an die Tax-Authority. Die hätten die Bearbeitung in Aussicht gestellt innerhalb der nächsten 3 bis 8 Wochen... Überlastet halt und so weiter. Jetzt immer schön geduldig und sehr, sehr anständig bleiben, gell. Es werden lange Wochen werden für uns und für die neuen Eigner. „Ergebnisoffen“ heisst das modische Wort für diesen nervigen Zustand.