Logbuch

Pfingstmontag, 5. Juni

Immer noch Mittellandkanal. Langweilig, wie manche meinen. Man mag das so sehen, wenn man Action liebt. Hier ist man lange und alleine auf dem breiten, meist schnurgeraden Kanal unterwegs. Aber Action kann man durchaus haben. So geschehen heute Nacht an der Kade in Bad Essen. Wir sind längst im Bett, ich träume irgendein herrliches Träumchen. Dann höre ich im Halbschlaf ein ungewöhnliches Geräusch, man könnte es nicht mal als Lärm bezeichnen, das ich nicht so richtig zuordnen kann. Ein intensives, hohes Surren. Thesi steht längst im Steuerhaus- „jetzt musst du dir das aber mal anschauen!“. Aus der Dunkelheit hat sich eine riesige Masse Stahl langsam an unser Heck angeschlichen, die starken Scheinwerfer machen die Nacht zum Tag. Es ist elf Uhr nachts, der Tanker FEBE legt direkt hinter uns an, das intensive Surren ist sein Bugstrahlmotor, mit dem der Steuermann die Stahlmasse an die Kade drückt. Sein Abstand zu uns ist gefühlte fünf Meter, was natürlich nicht stimmt. Es sind mindestens 10 Meter. Dann irgendwann ist der Spuk vorbei, die „FEBE“ stoppt ihre Maschinen und die VERANDEREN-Crew schlüpft erleichtert unter die Decken. Schiffer-Romantik? Nicht, wenn man weiss, dass die FEBE am Morgen des folgenden Tages, es ist erst so n’bisschen Tag, um halb fünf schon wieder ablegt.

 

Aus der Dunkelheit taucht was ungeheuerlich Grosses hinter unserem Bug auf

 

85 Meter langt 9 Meter breit und irgendwas wie 1'800 Tonnen schwer. Der Tanker FEBE will Feierabend machen

 

Freitag, 10. Juni

Andere Welt, anderer Dialekt, etwas andere Sitten auf dem Wasser. Wir fahren seit zwei Tagen auf dem nördlichen Dortmund-Ems Kanal. Was uns vorher manchmal zu schaffen machte, dass es nämlich für grosse Schiffe wenig gute Liegeplätze gibt, ist jetzt kein Thema mehr. Nur- besser sieht es für uns hier auch nicht wirklich aus, denn das hier ist reine Berufsfahrt-Welt. Die Warteplätze vor den Schleusen sind so winzig, dass es schon wieder amüsant ist. Wir haben aber Glück und können nach frühzeitigem Anmelden über Funk an den Schleusen heute immer gleich einfahren. Am Mittag laufen wir am Wasserfall in Lingen ein, der Hafenmeister erwartet uns schon am Steg, gleich vor dem Hotel. Jetzt sind wir Ausstellungs- und Dekorationsobjekt für die Hotelgäste, geniessen ein feines Essen mit einem hier üblichen grossen Mocken Fleisch. Das Mühsame des Tages ist vergessen, das Geräusch des nahen Wasserfalles wird uns in einen seligen Schlaf begleiten.

 

Montag, 12. Juni

Schöner Liegeplatz beim „Hotel Am Wasserfall“ in Lingen. Etwa um 10 Uhr morgens höre ich einen Ton aus der Achterkabine, der mich sofort alarmiert. Thesi steht mit schmerzverzerrtem Gesicht am Treppenfuss- völlig blockiert, nichts geht mehr. Hätte sie nicht schon eh seit Jahren grosse Probleme mit dem Rücken, würde man von einem Hexenschuss sprechen. Um 11 Uhr lasse ich die Ambulanz kommen, die uns in das Lingener Bonifatius Krankenhaus in die Notaufnahme bringt. Dort bringt man uns in ein stickiges Untersuchungszimmer und lässt uns erst mal eine gute halbe Stunde stehen. Thesi wird bleicher und bleicher, es ist ihr schlecht. Das Fenster lässt sich nur kippen, nicht richtig öffnen. Ich suche etwas Wasser, bringe meine Frau vor die Türe, sofort wird sie grob zurechtgewiesen. Das sei hier die Notaufnahme, da dürfe niemand „rumstehen“, sie solle sofort wieder in das Untersuchungszimmer zurück, man hätte schliesslich seine Vorschriften. Dem Typen käme es nicht im Traum in den Sinn, etwas Wasser oder ein Erfrischungstuch zu holen. Im selben forschen Ton bringt er dann seinen Unwillen gleich noch beim „behandelnden“ Arzt zum Ausdruck. In unserer Anwesenheit, versteht sich. Nach einer gefühlten Ewigkeit erscheint ein quirliger Herr Doktor und fragt in Kürzestform nach dem Grund unserer Anwesenheit. Das geht im Eilzugstempo:

 „Wo genau ist der Schmerz, nicht an der Wirbelsäule aha, strahlt nicht ins Bein aus aha, was erwarten Sie jetzt von mir?“ Na Schmerzbekämpfung, würde ich sagen, wäre ich der Doktor. „Spritzen werden hier nicht gemacht, da müssense schon zum Hausarzt“ (den wir ja nicht haben, weil wir ja mit dem Schiff... nicht wahr!) „oder zum Orthopäden“ (keine Ahnung, wo wir einen finden könnten). „Und eigentlich darf ich keine Rezepte ausstellen“. Schliesslich stellt er dann doch vier! Rezepte aus, zusammen mit einem Kurzbrief an einen „sehr geehrten Herrn Kollega“.

„Und wo finde ich bitte die nächste Apotheke?“

Gleich um die Ecke soll sie sein. Mittlerweile komplimentiert man uns aus der Notaufnahme hinaus, Thesi ist kreidebleich und verlangt nach Kotzsäcken. Wir verkrümeln uns im Aussenbereich der Cafeteria in die hinterste Ecke, Thesi zittert am ganzen Leibe und kotzt sich leer. Ich interveniere erneut in der Notaufnahme und schildere die unhaltbare Situation. Ich kann meine Frau in dem Zustand nicht alleine lassen und meine Bitte um einen Ruheraum wird mit dem Hinweis weggewischt, es stünde kein Personal zur Verfügung, um meine Frau zu „beaufsichtigen“.

Ich eile also zur nächsten Apotheke (gleich um die Ecke), die gute zwölf Minuten entfernt liegt. Der freundliche Apotheker übergibt mir die Medikamente, „macht dann 54 Euro zweiunddreissig“. Ich habe nur 45 Euro im Portemonnaie und zücke deshalb die EC Karte. „Uih“ meint der freundliche Herr, „das Lesegerät funktioniere seit Tagen nur manchmal, er würde es mal versuchen. „Kann den Magnetstreifen nicht lesen...“ Also lassen wir ein Medikament weg, dann passt’s!

Nach langen zweieinhalb Stunden und drei Kotzsäcken bittet Thesi um ein Taxi, das uns zurück zum Schiff bringen soll. Dort ist es wenigstens warm, es gibt ein Bett und es regnet uns nicht auf den Kopf. Die freundliche Taxifahrerin zeigt sich sehr verständnisvoll. Sie ist die erste Person hier, die die Situation checkt. Das ganze smarte Medizinpersonal in diesem Krankenhaus hat nichts gecheckt, aber ziemlich viel Papier beschrieben und alle Vorschriften eingehalten. Alles paletti?

 

Mittwoch, 14. Juni

Mir wird bald klar, dass Thesi so schnell nicht wieder „funktioniert“. Da ich eh einen Lotsen für die Dollard-Überfahrt organisiert habe, der uns ab der Schleuse Herbrum begleiten soll (ich verfüge über den niederländischen Vaarbewijs1, der zum Führen von Schiffen bis 25 Meter Länge im Binnengewässer, nicht aber für das Seegebiet berechtigt. Ab der Schleuse Herbrum fahren wir im Tidengewässer und Seegebiet). Jan Schepers, unser Lotse, kommt bereits hier in Lingen an Bord und übernimmt die Tauarbeit.

 

Freitag, 16. Juni

Wir fahren morgens um 6 Uhr vor die Schleuse. Der Tidenkalender zeigt uns an, dass um

5 20 Uhr Hochwasser ist wir können also mit ablaufendem Wasser (Ebbe) auf der Ems nach Leer fahren. Hier oben ist die Strömung noch schwach, später sind es doch 3 ½ Knoten oder etwa 5 ½ Kilometer pro Stunde. Auf einem Schiff ist das viel. Gegen die Strömung fahren ist extrem mühsam, man kommt nicht vom Flecke und der Dieselverbrauch ist gross.

 

Vor der Schleuse Leer müssen wir gegen die Strömung an den Wartesteiger fahren, geschleust wird nur zusammen mit Berufsschiffen. Um die Mittagszeit endlich können wir ins vertraute Hafenbecken von Leer einlaufen, wo uns kurz nach dem Anlegen ein Liegeplatz im Museumshafen angeboten wird. Es ist uns eine Ehre, da sagen wir nicht nein und so sind wir umgeben von liebevoll restaurierten historischen Schiffen in unmittelbarer Nachbarschaft der Altstadt und steigen für den Landgang über zwei Nachbarschiffe an den Quai. Der Lotse Jan hat mir in den zwei Tagen unterwegs mit ihm gefühlte achtzig Geschichten aus seinem langen Seemannsleben auf See erzählt. „Da übernahmen wir mal Kaffee in Honduras und fuhren ihn nach Nieuwport, gelöscht wurde nachts, damals gab es noch...“. Ich weiss jetzt auch, dass die besten Schiffsköche die Inder waren (und wohl immer noch sind). Ihr müsst euch die Stimme von Louis Armstrong in Erinnerung rufen, nur eben auf deutsch (und hie und da in Plattdeutsch). Der Donnerbass von Jan wirkt am Funk sehr, sehr Seemanns-like.

 

Schiffen geht’s wie uns allen; irgendwann wird’s Zeit für den Schrottplatz...

 

Sonntag, 18. Juni

Einlaufen in unserem Heimathafen Oosterhaven Groningen. Sonntag, heiss, strahlender Sonnenschein- wir tasten uns langsam vor durch die beiden Brücken, zwischen Motorbooten, Paddlern, Tjalks, Ruderbooten und, und und... Die Studenten fahren ihre Mädchen aus, manche haben Musik laufen. Die Bikinis sind klein, die Holländerbeine teils schon ziemlich rot, die Blumentöpfe sind auch auf den Booten. Die Costa Ricaner haben dafür den Ausdruck „pura vida“ erfunden. Jan kriegt seine Heuer, mustert ab (damit das auch alles schön seemännisch gesagt ist) und macht sich auf den Weg nach Hause ins deutsche Haren. Wir gewöhnen uns wieder an die niederländische Welt, die doch ziemlich anders tickt als die deutsche.

 

Mittwoch, 21. Juni

Holland hat uns wieder. Alles etwas légèrement hier. Ich merke, wie wir uns in den zwei Jahren in Deutschland an die etwas härtere deutsche Gangart gewöhnt hatten. Jetzt müssen wir uns wieder so organisieren, dass ein vereinbarter Termin manchmal nicht eingehalten wird, die bestellten Dieselfilter nicht da sind (weil das Bestellen „verschwitzt“ wurde). Ist ja aber geen probleem, nicht wahr?! Du bist ja vergnügungsmässig unterwegs. Das Menue im Restaurant kostet etwas mehr, dafür scheinen die Kellnerinnen alle ihren Job gerne zu machen.

 

Der Konstrukteur unserer beiden Generatoren, Jelmer Valk (typischer friesischer Name), kommt für die Servicearbeiten persönlich auf die VERANDEREN

 

Wir haben zwei sehr leistungsstarke Generatoren an Bord (jeder leistet 15 KVA), die regelmässig gewartet werden wollen, sollen sie so gut wie bisher weiterlaufen. Der Konstrukteur dieser Aggregate, Jelmer Valk aus Groningen, hat es sich nicht nehmen lassen, die Arbeiten persönlich zu machen. (Wer sich für interessiert: wir haben Verbraucherbatterien mit 580 KVA, die beiden erwähnten Generatoren, 230 V und 400 Volt-Landanschlüsse). So haben wir zusammen die Öl- und Dieselfilter gewechselt, neue Luftfilter eingesetzt, Ölwechsel gemacht und die Ventile eingestellt. Grosse Zufriedenheit macht sich breit bei mir nach getaner Arbeit und nach der verdienten Dusche.

 

Die neue Brücke wird fixfertig angeliefert zur Montage über den Van Harinxma Kanaal

 

 

Donnerstag, 22. Juni

Thesi’s grosser Wunsch, im Bioladen hier einkaufen zu können, ist auch in Erfüllung gegangen. Herzig, den Ladenbesitzer mit seinem weissen Haarkränzchen wieder zu sehen, er erinnert mich immer an die beiden Herren aus der Muppet-Show. Ich fand zwar, die Salate im Regal guckten etwas traurig in die Welt (wir haben sie dann dort weiter trauern lassen), aber so in Richtung asiatischer Küche findet man da schon kleine Herrlichkeiten. Das drückend heisse Wetter tut nicht nur den Salaten nicht gut; wir hängen auch etwas in den Seilen. Am Abend ist jetzt die Front von Westen her überfallmässig eingefahren und der lang ersehnte Regen ist da.

 

Martin ist um neun Uhr morgens mit der Fiets unterwegs in der Stadt, die noch im Halbschlaf liegt. Neun Uhr zählt noch zur Nacht, die Geschäfte öffnen meist um halbzehn. Suche Briefmarken; Postbüros gibts hier nicht mehr, im Brotladen kann ich nur mit der Karte bezahlen, Bargeld gilt nicht... Man gibt sich digital, die meisten Autofahrer bezahlen ihre Parkgebühr online. Bin kein Fundi, trotzdem finde ich das etwas komisch; zwei Euro fürs Brot mit der EC bezahlen?

 

Freitag, 23. Juni

Zeit zum Aufbruch. Thesi’s Fietse ist repariert, Der Wassertank ist gefüllt, Generatoren-Service gemacht, Food gebunkert. Um 9 Uhr laufen wir aus und in die Oostersluis Groningen ein. Zusammen mit einem Berufsschiff und einigen Yachten geht’s über den Van Starkenborgh-Kanaal gen Westen. Ab Km 29 heisst der Kanal jetzt Prinses Margriet Kanaal. Im Burgumermeer finden wir den Liegeplatz für die Nacht. Vielleicht ist’s nicht die allerbeste Wahl; es bläst ein steifer Wind, wohl so um die Beaufort 7 und drückt uns an den Steg. Gottseidank haben wir ein gemütliches, mit allem Komfort ausgerüstetes Schiff. Wie wir hier gegen den Wind in den nächsten Tagen wieder weg kommen, daran verschwenden wir im Moment keine Zeit. Auf Schiffen gibt es wenig Planbares, schon in der nächsten Stunde kann alles anders sein.

 

Thesi’s heiss geliebtes Brompton Klapp-Fahrrad läuft wieder wie ein Örgeli

 

Dienstag, 27. Juni

Auf der Fahrt von Leeuwarden nach Harlingen wird’s eng. Die Strecke ist eigentlich etwas vom Einfachsten, was man fahren kann. Wir geraten in einen Pulk von Berufsschiffen, die mit sehr unterschiedlichen Tempi unterwegs sind. Eines davon wird von einem offensichtlichen Rambo und seiner angetrauten Ramböse geführt. Unbeladen rauscht er von hinten in flottem Tempo heran. Ich rufe ihn am Funk auf, aber da bleibt alles stumm. Ich bin doch wohl nicht auf einem falschen Kanal unterwegs? Sicherheitshalber probiere ich es auf Kanal 10 (Schiff-Schiff-Kanal); grosses Schweigen. Vor mir dümpelt ein vollbeladenes Schiff mit 8 km/h auf die nächste Brücke zu. Jetzt sind Rambos nicht mehr zu halten. Ihr riesiger Rumpf rückt der VERANDEREN bedrohlich nahe auf die Pelle, Ramböse steht vorne am Bug und schreit herüber, ob wir denn keinen Funk an Bord hätten... Er überholt uns mit wenig Abstand und macht sich gleich daran, das vor uns fahrende Berufsschiff zu „fressen“, setzt zum Überholen an, obwohl in Sichtweite die nächste, noch geschlossene Brücke als nächstes Hindernis auf ihn wartet. Sie (die Brücke) ist nun allerdings überhaupt nicht beeindruckt, bleibt unten und jetzt staut sich die ganze Meute davor. Jetzt hat er plötzlich Funk und macht heftig Gebrauch davon, fragt rundum, was denn verdammi los sei mit dieser Sch...brücke. Die anderen Berufsschiffer zeigen ihm nun sehr deutlich, wo Bartli den Most holt.

 

Am frühen Nachmittag taucht der uns so vertraute Kran der Werft SRF in Harlingen auf und wir legen erst mal unter dem riesigen Pneukran an, um am nächsten Tag unseren Platz beziehen zu können. Eine Liste von Arbeiten wartet auf uns und die SRF-Leute. Das Werft-Feeling stellt sich ganz schnell ein, wir sind umgeben von ganz teuren, ganz alten, wunderschönen und potthässlichen Schiffen. Um die sechzig Mitarbeiter wieseln herum, es stinkt nach Schweissen, wir hören friesische Gesprächsfetzen, eine russische Crew ist mit ihrem Schiff HELENA eben aus dem norwegischen Bergen angekommen und das Werft- Faktotum Ron ist wie eh und je dabei, seinen gefühlten zehntausendsten Rumpf abzuspritzen. Er arbeitet nicht nur hier, er wohnt auch hier auf seiner Wohnarche, auf der in grossen Lettern steht „A HOUSE IS NOT A HOME“.

 

Es gibt für jedes Portemonnaie ein Schiff. Dieses hier dürfte im Bereiche einer Million Euro liegen

 

Die kleine Oosterbrug in den Zuidoostersingel in Harlingen ist weg und wird restauriert

 

Wo gibt’s bei uns noch so etwas Schönes zu sehen,

 Zürich im Kreis 5 vielleicht?

 

Vor der Seeschleuse Harlingen warten teils hundertjährige Tjalks, traditionelle holländische Flachboden-Segleschiffe, auf Kundschaft für ihre Fahrten hinaus zu den Inseln. Als besondere Attraktion lassen sie sich dann schon mal bei Ebbe auf dem Wattenmeerboden trocken fallen.

 

Von Kindern liebevoll gemalte Verkehrssignale. Hier heisst das sinngemäss: Achtung Neues Steglein über den Kanal

 

Donnerstag, 29. Juni

Arbeitsbeginn, sieben Uhr. Der Stahlmensch Marco steht mitsamt seinem Equipment da (Schweissgerät, Trennscheiben, Hämmer, Zangen etc.), bereit, unsere Reling und die Mittelpoller aufzuschneiden und abzuändern. Es reicht knapp, die Batterien, den Gleichrichter und den Landstromanschluss abzuhängen und schon frisst sich die Trennscheibe durch die Relingstangen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass der Mittelpoller auf dem Schiff so kaum zu gebrauchen ist, zudem ist er zu wenig hoch, um sicher festmachen zu können. Marco ist die Ruhe selbst, sehr effizient, kein Wort zu viel, und sorgfältig (was nicht selbstverständlich ist in diesem harten Job). Am Abend hat VERANDEREN eine neue Reling und einen neuen Poller. Mir bleibt die undankbare Aufgabe, nach Feierabend die Decks und das Gangboard gründlich zu reinigen (was mir nun jeden Tag blüht), weil sich sonst der Schleifstaub innert Stunden als Rostteilchen in die Lackoberfläche hinein frisst (Flugrost).

 

Marco nimmt sich den VERANDEREN Mittelpoller vor

 

 

Und weg ist das Ding

 

Jetzt passt das und wir können so die Taue viel besser binden. Frisch gemalt wird das glänzen wie neu!

 

Freitag, 30. Juni

Klaas, der Allrounder hier, macht mit mir zusammen die Servicearbeiten an der Maschine. Wir wechseln 30 Liter Öl, zwei Öl- und einen Dieselfilter und insgesamt sechs SEPAR-Vorfilter. Unser AIS (Automatic Identification System) tut’s immer wieder mal nicht, die Suche nach einem Wackelkontakt ist mühselig, aber der Spürsinn von Klaas lässt ihn den Fehler finden. Ob es wirklich stabil läuft, wird sich erst nach einiger Zeit feststellen lassen. Hier und dort gibt’s kleinere, aber deshalb nicht minder ärgerliche Problemchen, die Klaas nun nach und nach alle löst.

 

Eigentlich sind wir hier, weil unser Schiff nach sechs Jahren wieder von einem Experten neu geprüft und zertifiziert werden muss. Dazu wird das 80 Tonnen schwere Schiff mit einem Kran aus dem Wasser gehoben und aufgebockt werden und dann wird der Surveyer die Stahldicke des Rumpfes mit Ultraschallgerät, seinem guten Ohr und seinem guten Auge genauestens prüfen und messen. Das steht uns, resp. dem Schiff aber erst noch bevor. Wir freuen uns auf das Wochenende, ein gutes Essen im Restaurant „Nooitgedagt“ und das Ausschlafen am Sonntag!

 

 

Drunter und drüber, sicher aber jeden Tag anders sieht es aus auf dem Werftgelände der SRF Harlingen. Schiffe werden umplatziert, oft von Hand an den neuen Liegeplatz gezogen. Rostiges liegt neben Neuem, ein Gewusel an Menschen und Material.

 

Ein Eldorado für Maler, die nach Motiven suchen.

 

Der Kahn hat schon bessere Tage gesehen. Das Holzschiff wird nach einigen Wochen intensiver Arbeit nicht mehr zu erkennen sein.

 

 

Samstag, 8. Juli

Die Werft-Arbeiten  sind nach nur sieben Arbeitstagen abgeschlossen. So zügig wurde hier noch nie zuvor am Schiff gearbeitet. Nach einem Ruhetag nach unserer Ankunft steht Lourens mit dem Stahlmenschen Marco um halb acht bereits am Schiff und ab da wird ständig geschweisst, gelötet, Klaas findet mit seinem Spürsinn den Wackelkontakt am AIS und zu guter Letzt ändern wir die Scheinwerferhalterung so, dass das Ding vorne auch wirklich gut über das Schanzkleid hinaus leuchtet. Gestern ist die Halle beim Schiffsmaler Durlo zweihundert Meter weiter frei geworden. Wir fahren VERANDEREN am Montag rüber, dann wird sie vom 100 Tonnen-Kran von Multiship aus dem Wasser gehoben und für den Survey (die Prüfung des Rumpf-Stahls mittels Ultraschall) vorbereitet. Die Tage hier waren anstrengend. Es gibt jeweils hier etwas zu entscheiden, Material rechtzeitig zu bestellen, die Tagesarbeiten zu besprechen und praktisch mitzuarbeiten. Nicht immer lässt sich alles gut koordinieren. So passiert es halt, dass der Mechaniker die Filter im Maschinenraum wechseln will, wozu er natürlich genügend Licht braucht, und gleichzeitig geschweisst wird. Dann nämlich nehme ich alle Minuspole von den Batterien, stelle den Gleichrichter ab und nehme den Landstrom weg. Ich verhindere so allfällige Schäden während der Schweissarbeiten an den Elektroinstallationen des Schiffes. Drum müssen wir halt improvisieren und Strom von aussen mit Verlängerungskabeln in den Maschinenraum holen.

 

Liebevoll gepflegtes Städtchen Harlingen. Unser Zuhause während sechs Wochen Werftaufenthalt

 

Der Noorderhaven mit seinen zweigeschossigen schnusigen Häusern erinnert stark an Bilder altholländischer Maler.

 

Ehemalige kleine Lagerhäuser sind heute zu attraktiven Wohnhäusern umgebaut und zeugen von der Leidenschaft der Holländer, Altes liebevoll zu pflegen. Ihre Namen erinnern an die fernen Orte, von denen die Handelsschiffe Waren nach Europa gebracht haben. Nicht von ungefähr nennt man die Niederländer manchmal die mit allen Wassern gewaschenen alten Gewürzhändler.

 

Nun ist Harlingen ein hübsches Hafenstädtchen, das nach getaner Arbeit zu einem kühlen Glas am Noorderhaven lädt. Weg von der Werftatmosphäre, rein ins Freizeitfeeling! Wir fahren mit unseren Flyer-Fahrrädern auch immer wieder zum Einkaufen in den gut bestückten Jumbo oder den kleinen, feinen Bioladen (siehe Hinweis oben auf Thesi’s Vorlieben...). Schön, da zu sitzen, das Horn der ausfahrenden Fähre zu hören oder das helle Glockenspiel am Rathaus während den vollen Stunden. Alles etwas kleiner als anderswo, gleichzeitig aber sehr international. Das Sprachendurcheinander der Segler, die von der Nordsee her hier einlaufen ist faszinierend. Wir machen uns einen Spass daraus, die Herkunft der Menschen zu bestimmen, bevor wir hören, welche Sprache sie sprechen. „Ist bestimmt ein Schweizer, sitzt etwas verklemmt da..., so blond sind nur Skandinavier, Dänemark vielleicht?“ Heute besuchen wir noch den schönen Käseladen. Kaufen etwas Feines für unser Gemüt, wollen aber auch den tollen Handwerkern, die mitgearbeitet haben, ein Präsentchen finden.

 

 

Übrigens Wetter und so: während die Schweiz und Süddeutschland, auch die Region Berlin, unter der Hitze stöhnen, gibt’s hier tagsüber so angenehme 26 Grad, immer mit einer Brise vom Wattenmeer her.

 

Sonntag, 9. Juli

Christoph Ogi aus Unterseen macht uns seine Aufwartung. Ich hatte jemanden am Handy hinter einer Werfthalle in breitestem Berndeutsch diskutieren hören und meinte, einige Oberländer Brocken herausgehört zu haben. Die Welt ist nicht gross, Christoph wohnt in Unterseen, keine halbe Stunde von unserem neuen Heim entfernt und hat sich hier in Harlingen sein Traumschiff bauen lassen. Und was für ein Ding! Wunderschön anzuschauen, 20 Meter lang, der Rumpf in edlem Rotbraun gehalten, technisch mit allem ausgestattet, was man sich als Schiffer nur wünschen kann. Am Dienstag soll die CHRISTOBELL erstmals ins Wasser kommen, um die ersten Fahrtests zu machen. Wir wünschen ihr und seinen Eignern Christoph und Carla allzeit gute Fahrt!

 

Montag, 10. Juli

Zwischenzeitlich haben wir VERANDEREN 300 m weiter verschoben zur Werfthalle der Schiffsmalerei Durlo, gleich neben der Werft Multiship. Der Grosskran der Werft hebt sie mittels zwei Gurten aus dem Wasser (bei der Gelegenheit lesen wir ihr Gewicht mit 84 ½ Tonnen ab) und setzt sie an Land auf die Böcke, wo ihr Rumpf gleich mit 360 bar abgespritzt wird. So löst sich der Bewuchs, in unserem Fall sind das erstaunlich wenig Muscheln, die sich im Bereich der Kühlungsöffnungen und im Tunnel des Bugstrahlrohres angesiedelt haben. Gespannt checken wir allfällige Kratzer oder gröbere Erinnerungen an Fahrtage mit Grundberührung. Könnte schlimmer sein, wir sind positiv überrascht. Das war das missglückte Überholmanöver mit einem polnischen Schubschiff, das war wohl die Ausfahrt aus der Vrouwenportbrücke in Leeuwarden u.s.w. Wir holen unsere Fahrräder und alles, was man so braucht für ein zweiwöchiges Leben an Land vom Schiff und beziehen bei Linda und Alberts B&B „de Tobbedanser“ unser Zimmer. Erinnerungen werden wach an unseren ersten Aufenthalt hier, als ich die Netzhautablösung erlitt und in Groningen operiert wurde. Leben auf dem Schiff in der Malhalle wäre wenig erstrebenswert; Verdünnerdämpfe und das Leiternklettern sind mässig toll.

 

An den Gurten hängen 84 Tonnen Stahl. Der Rumpf wird mit dem Hochdruckreiniger bei 360 bar vom Bewuchs befreit, bevor das Schiff zur „Weiterbehandlung“ in die Halle geschoben wird.

 

Mittwoch, 12. Juli

Der selbständige Surveyor Rob Klaassen prüft im Auftrage der Versicherung und des Königsreiches Niederlande nun das Schiff auf Herz und Nieren. Erster wichtiger Teil des Surveys ist die Messung der Stahldicke des Rumpfes mittels eines topmodernen Ultraschallgerätes. Bis vor kurzem musste an festgelegten Stellen zur Messung die Farbe bis auf den Stahl weggeschliffen werden, heute kann das Gerät die Farbdicke von der Stahldicke unterscheiden. Der alte Unterbodenschutz-Trick bei verrosteten Autos würde also nicht hinhauen! Unser Rumpf hat praktisch überall noch die 6 mm Stahldicke, die er schon beim Neubau aufwies. Das beginnt schon mal sehr gut.

 

Der Rumpf ist in einem prima Zustand und weist überall die Stahldicke von 6 mm auf

 

Jetzt wird der Technikteil unter die Lupe genommen. Sind alle sicherheitsrelevanten Anforderungen erfüllt? Zwei Feuerlöscher sind nicht vorschriftsgemäss montiert, an drei Elektrokontakten bemängelt er die isolierende Gummikappe, am Auspuffrohr des einen Generators fehlt ein kurzes Stück Isolation. Dann wird’s aber ernst. Neu müssen die Absperrhahnen zwischen den Dieseltanks und den Zuleitungen im Notfall von ausserhalb des Motorraumes zugemacht werden können. Da wir über vier Tanks verfügen, wird das nicht einfach werden. Wir lassen uns von Rob die Liste der zusätzlichen Auflagen geben, die für das Rheinzertifikat CvoR notwendig wären (wir lassen jetzt erst mal wieder das normale europäische Zertifikat Cvo ausstellen). Für den Rhein ist eine Vielzahl von Zusatzanforderungen zu erfüllen, es gelten Lärmmess-Grenzwerte, im Steuerhaus wird Sicherheitsglas verlangt, wobei die Frontscheibe reflexfrei sein muss, das Ankergewicht muss stimmen (mit unseren rund 84 Tonnen sind 193 kg Ankergewicht gefordert, was wir mit unseren 224 Kilo problemlos schaffen), die Motorleistung muss entsprechend gut sein und vieles mehr. Ob wir uns all die Zusatzkosten aufbürden wollen, entscheiden wir, wenn das Schiff fertig gemalt ist.

 

Mittwoch, 19. Juli

Wie immer bei Werftaufenthalten, investiert man viel, viel Zeit. Immerhin ist VERANDEREN jetzt von der Reling abwärts geschliffen, gespachtelt und grundiert. Heute morgen wurde sie neu in Plastik eingekleidet und am Nachmittag zweimal mit Zweikomponentenlack gespritzt. Den Kran habe ich selber geschliffen und für den Neuanstrich vorbereitet. Allein dafür habe ich fast zwei Arbeitstage aufgewendet. Aber jetzt macht die Arbeit Spass, weil man sieht, wie das Schiff zu seiner alten Schönheit zurückfindet, am Schluss dann in frischen, neuen Farben glänzen wird. Arbeitsbeginn war um halb acht, dafür für mich schon um 14 Uhr Schluss.

 

Donnerstag, 20. Juli

Der Surveyor hat festgestellt, dass die Welle beim Austritt zum Propeller 2 mm Spiel hat. Das ist definitiv zuviel, der Grenzwert beträgt 1.75 mm. Die Mechaniker der Werft machen sich an die Arbeit ein Job, den man gut beherrschen muss und der viel Erfahrung voraussetzt. Der Propeller muss von der Welle abgezogen werden und sitzt fest, wie nicht anders zu erwarten ist. Mit Schweissgerät, Vorschlaghämmern und dem nötigen Gefühl für das Material gelingt das nach einiger schweisstreibender Arbeit. Die Buchse wird neu gedreht und erhält einen neuen Innenteil, der sehr genau passen muss. Die Welle soll noch von Hand gedreht werden können, aber möglichst wenig Spiel haben.

 

Die Welle hat zu viel Spiel. Das kann dazu führen, dass Wasser in die Bilge einlaufen kann. Ein Zustand, den kein Schiffseignet sich wünscht. Die Werft-Mechaniker ziehen den Propeller von der Welle ab und drehen eine neue, präzis passende Buchse ein.

 

Sonntag, 23. Juli

Wenn sich die Gedanken nur noch ums Schiff und allem, was dazu zu zählen ist drehen, kann ein freier Nachmittag im Städtchen Wunder wirken. Da wird schon auch einmal die neu eingekleidete Fietse vorgeführt. Die Mutter des Blaulichtfahrers erklärt uns mit unverhohlenem Stolz „Zij hebben se uit het kanaal gevist!“

 

Strick ist in

 

Wir waren Töfflibuben. Hier werden Fietsen aufgebretzelt

 

Wie oft haben wir nach getaner Arbeit unsere Seele im „Nooitgedagt“ baumeln lassen, einer Beiz, wie ich sie zu Hause leider nicht mehr finde. Alles etwas schräg und unmöglich, die Serviererinnen brauchen eine Top-Kondition, um die extrasteile Treppe mit den Gerichten und dem Abräum rauf- und runter zu bringen und tun das mit einem umwerfenden Charme und grosser Freude an ihrem Job. Schon nur ihretwegen ein Muss in Harlingen. Nichts Gestyltes, nichts Künstliches, viel Ehrliches und Liebenswertes.

 

Sonntag, 30. Juli

Geschafft! Drei Wochen schleifen, schleifen, noch einmal schleifen, grundieren, wieder schleifen...

Viel Staub, Verdünnerdämpfe. Das Schiff wird nur alle paar Jahre einmal aus dem Wasser gehoben und in die Halle gestellt. Da will man die Chance nutzen und alles machen, was sonst nur mühsam oder gar nicht möglich ist. Die Reling wird zweimal gemalt, sie ist ein stark strapazierter Schiffsteil. Der Rumpf wird oben mit 25 Liter Zweikomponenten Epoxy Coating gespritzt der Unterwasserteil mit Antifouling behandelt, das den Bewuchs möglichst einschränken soll. Ich mache mir schon meine Gedanken; das Zeugs ist stark umweltbelastend. Einerseits versuchen wir, auf dem Schiff umweltschonende Reinigungs- und Waschmittel einzusetzen, andrerseits muss dann massiv belastendes Material verwendet werden. Der Spagat geht nicht auf. Wir führen mehrere tausend Liter Diesel in unseren Tanks mit und irgendwie fährt auch immer die Hoffnung mit, dass nichts passieren wird.