Logbuch

Blick von unserem Wohnzimmer hinüber zu Eiger, Mönch und Jungfrau

 

Montag, 1. Mai

Etwas wehmütig nehmen wir Abschied von unseren neuen Nachbarn und der eben fertig eingerichteten Wohnung mit dem einzigartigen Blick auf die ganzen Berner Alpen. Nach einem Erwerbsleben im Unterland sind wir in Martin’s Heimatdorf Beatenberg gezogen. Lange haben wir es nicht geniessen können, denn unser Schiff, das in Oranienburg überwintert hat, soll im Juli für das zu erneuernde Zertifikat ins niederländische Harlingen gefahren werden. Wir werden also Deutschland von Westen bis Osten durchfahren.

Ich habe in Lörrach einen Wagen gemietet, den wir mit unserem immer noch viel zu vielen Material gefüllt und in zwei Etappen über Bayreuth nach Oranienburg gefahren haben. Bei der Einreise in Rheinfelden hat mich der Schweizer Grenzbeamte darauf hingewiesen, dass es Leuten, die in der Schweiz niedergelassen sind, nicht erlaubt ist, einen ausländischen Mietwagen in der Schweiz zu fahren...und hat mich dann doch einreisen lassen mit der Auflage, nach 24 Stunden wieder ausreisen zu müssen. Hat mich fast ein bisschen an manche Grenzübertritte seinerzeit in Afrika erinnert. Die Amtsschimmel wiehern halt allerorten.

Aus Erfahrung wissen wir mittlerweile, wie wertvoll es ist, für die ersten Tage noch über ein Auto zu verfügen, da bunkern wir nämlich so viel Haltbares wie möglich für unterwegs. Bis jetzt habe ich auch noch jedes Mal irgend etwas aus dem Baumarkt besorgt und der liegt ja bekanntlich nie im Ort, sondern weit draussen auf der grünen Wiese.

Schlecht sieht es nicht aus nach dem langen Winter, den das Schiff erstmals kalt überdauert hat. Die Starterbatterien der Maschine waren allerdings fast ganz entladen, da werde ich im nächsten Winter das neue Ladegerät von C TECH permanent zugeschaltet lassen. Und ja, eine Mischbatterie in der Dusche tropft. Nichts Tragisches eigentlich.

 

VERANDEREN’s Winterquartier in Oranienburg

 

Mittwoch, 3. Mai
Henk Förste aus Potsdam hat sich mit dem Spezialisten von GEBERIT Deutschland unsere Probleme mit den Verbundrohren, resp. die unfachmännisch ausgeführten Reparaturen daran angeschaut und GEBERIT stellt auch gleich zwei Montagekoffer mit den richtigen Pressbacken zur Verfügung. Henk arbeitet dann lange 8 Stunden, bis alle Fittings neu gepresst sind und der bange Moment da ist und wir Wasser in das System füllen können. Und siehe da: es hält, ist dicht! Ein Problem, das wir zwei Jahre vor uns hergeschoben können wir abhaken. Selten so zufrieden ins Bett geschlüpft am Abend!

 

Eindrücklich, nicht unbedingt schön: das Stahlwerk in Hennigsdorf.

Manchmal sind wir halt „industriell“ unterwegs

 

Freitag, 19. Mai

VERANDEREN ist geputzt, die Schränke sind randvoll mit Tranksame und Food, im Wassertank liegen 9'000 Liter Wasser, die Dieseltanks sind voll, wir können ablegen Richtung Berlin-Spandau und Potsdam. In Spandau erleben wir ein déja vu: die landenden Flugzeuge donnern über unsere Köpfe im Minutentakt wie einst in Kaiserstuhl! Es hat mich damals genervt und nervt auch heute noch.

 

An der Berliner Unterhavel, am Jungfernsee, wohnen die Reichen und Schönen in ihren Häuschen

 

Der Ausflugsdampfer GUSTAV fährt auch zu dieser frühen Jahreszeit schon doll viele Gäste auf der Havel

 

Samstag, 20. Mai
Potsdam, in der „Marina Am Tiefen See“. Schöner Liegeplatz, Potsdam ist immer eine Reise wert. Um 22 Uhr hämmert dann plötzlich ein brutaler Technosound über den Hafen und weit über die Havel hinaus und hört nicht mehr auf bis morgens um 7 Uhr! Ich will mir am Morgen die Figuren anschauen gehen, die das toll finden, schaffe es aber nicht, bin zu unausgeschlafen. Ein sonniger schöner Tag entschädigt uns dann aber! Leute- wir empfehlen die Marina immer, nur- geht da nicht hin am Wochenende!

 

So individuell kann man auf dem Wasser unterwegs sein

 

 

 

 

 

Montag, 22. Mai
Unterwegs zwischen Brandenburg und Genthin. Langes Warten an der Schleuse Wusterwitz. Am Funk höre ich, wie die Schleusenwärterin die MS THERESE im Oberwasser der Schleuse ruft... Das müssen doch Willy und Dasgmar sein, die in Hamburg Kohle gebunkert haben. Und prompt- noch in der Schleuse drin ruft mich Willy übers Handy an. Er hat mich auf seinem AIS gesehen. Bei der Ausfahrt gehen ein paar flotte Sprüche (na, ihr Urlauber!) rüber, bevor sich das vollbeladene 80-Meterschiff langsam wegschiebt. Wie klein die Welt doch manchmal ist.

 

 

Die MS THERESE von Dagmar und Willy Westphal fährt aus der Schleuse Wusterwitz, voll beladen mit Kohle für die Kraftwerke in Spandau

 

Mittwoch, 24. Mai
Genthin am Elbe-Havel Kanal. Schiffswerft SET Schiffsbau und Entwicklungsgesellschaft Travemünde. Etwas erschrocken habe ich gestern morgen bei der Routinekontrolle im Motorraum, die ich immer vor und nach der Fahrt mache, festgestellt, dass ziemlich viel Wasser in der Bilge liegt. Dabei hatte ich doch vor dem Saisonstart in Oranienburg alles sauber trockengeputzt. Sofort schaltet es im Kopf. Ende letzter Saison etwas Wasser festgestellt und gleich auch die Schlussfolgerung- die Stopfbüchse an der Antriebswelle ist nicht mehr dicht! Schliesslich ist es fünf Jahre her, seit sie nachgestellt, bzw. die Schrauben nachgezogen worden waren. So will ich später nicht über den Dollard fahren, das wäre unverantwortlich. Wir sind vier Stunden Fahrt von Genthin entfernt, Christian Huber’s „Kinette“ wurde hier exzellent repariert. Die telefonische Antwort auf unsere Anfrage ist kurz und bündig: „Kommen’se her!“

 

Der Maschinenmeister der Werft SET in Genthin hat alles im Griff. Der Mechaniker Alfred hat uns in Rekordzeit zusätzliche Schnüre in die Stopfbüchse der Welle eingelegt, routiniert und gekonnt. Grosses Dankeschön an die Werft-Leute!

 

Nach unserer Ankunft marschieren der Betriebsleiter Michael Hubka und der Maschinenmeister in breitausladenden Schritten zum Schiff. „Jo, dann kucken wer mal, nüch!

Alfred, unser Spezialist für solche „Packungen“ wird morgen halb zehn bei Ihnen sein, machen Sie det allet mal schön sauber vorher!“ Punkt halb zehn steht Alfred mit zwei kleinen Kistchen da. Wir zwängen uns vom Maschinenraum in den sauengen Bilgenbereich, wo das Corpus delicti ganz zuhinterst verhindert, dass aus dem Aussenbereich Wasser eindringen kann. Alfred kriecht auf dem Bauch vor mir her und dudelt leise das immer gleiche Liedchen vor sich her. Er macht sich an die Arbeit, erlaubt sich nur die Bemerkung „det is aber eene bekloppte Stellung hier hinten“. In knapp einer Stunde hat er zwei zusätzliche Packungsschnüre eingepasst und schliesst die Arbeit ab mit der Bemerkung „So is et allet chiic und perfekt, kuckste mal bei Gelegenheit nach, aber det is alles gut!“ Klammer: Alfred ist mein Jahrgang 1949.

Und jetzt geht’s ans Bezahlen, morgen ist Feiertag (Christi Himmelfahrt, in Deutschland aber auch Vatertag. Vermutlich der Tag der Rekord-Alkoholverkäufe). „Det macht dann 25 Euro, brauchste ne Quittung?“ Ich bin sprachlos, verdopple den Betrag und reibe mir die Augen. Weil- wir liegen zwei Tage hier und kriegen gratis Strom. Normalerweise bezahlen wir so um die 1.50 € pro Meter Schiff nur fürs Liegen und 2 bis 3 € für den Strom!

Leute, solltet ihr je ein Problem haben in Deutschland mit eurem Schiff: Genthin SET ist die ultimative Adresse.

 

Berufsschiffe werden fast immer bis an den Rand des Möglichen beladen und müssen dann wegen ihrem Tiefgang möglichst in der Mitte des Kanals fahren

 

Freitag, 26. Mai

Seit der Schleuse Wusterwitz sind wir „bergwärts“ gefahren, resp. geschleust worden. In einem so flachen Land tönt das erst einmal komisch. Tatsächlich fährt man auf Kanälen immer entweder „berg- oder talwärts“, was an der Farbe der Tonnen zu sehen ist. So es denn überhaupt Tonnen hat. Es gilt der Grundsatz ROT / RECHTS / RUNTER. Wenn ich an meiner Steuerbordseite also rote Tonnen und an meiner Backbordseite grüne Tonnen passiere, dann fahre ich talwärts. Seit der Schleuse Wusterwitz haben wir bis zur Schleuse Hohenwarthe insgesamt 28,2 Meter Höhe überwunden. Dabei macht die Schleuse Hohenwarthe mit ihrem Hub von 18,9 Meter am meisten Eindruck. Man fährt unten in ein vermeintlich schwarzes Loch ein. Manche haben auch das Gefühl, in einen riesigen Sarg einzufahren. Oben angekommen queren wir auf der Kanalbrücke, die man sich als rund einen Kilometer langen Trog vorstellen muss, die tief unten fliessende Elbe und sind jetzt nicht mehr im Elbe-Havelkanal, sondern im Mittellandkanal. Die Kilometerangabe 325 bedeutet für uns die Distanz bis zur Abzweigung des Mittellandkanals Richtung Norden beim „Nassen Dreieck“. Dort kommen Mittellandkanal und der nördliche Dortmund-Ems Kanal zusammen. Das sind, weil wir kurze Tagesetappen fahren, 10 Fahrtage. Die Tonnenfarbe hat gewechselt- wir sind also jetzt „zu Tal“ unterwegs.

 

Warten vor der Gross-Schleuse Hohenwarthe. Hier endet der Elbe-Havel Kanal und beginnt der Mittelland Kanal

 

Wir werden 18.90 Meter nach oben geschleust (also wieder „bergwärts“ oder „zu Berg“)

 

Die Schwimmpoller in der Schleusenwand machen das Schleusen für uns bequem. Weil sich die Schwimmpoller mit dem Wasserstand mitbewegen, können wir unser Schiff daran richtig festmachen, was in „normalen“ Schleusen absolut tabu ist, weil sich die Taue verkneifen, nicht mehr zu lösen sind und sich das Schiff „aufhängt“. Da hilft nur noch das Durchschneiden des Taues. Keiner gibt freiwillig zu, dass ihm das am Anfang seiner „Schifferkarriere“ auch passiert ist.

 

Wie oft hab ich blühenden Mohn schon gemalt?. Die Wirklichkeit schlägt die Malerei um Längen.

 

Der blinde Passagier findet das Reisen ohne eigene Anstrengung offensichtlich prima. Er und seine Partnerin begleiten uns über eine lange Strecke und machen von hier aus kurze Jagdausflüge.

 

Sonntag, 28. Mai

Wir liegen an der Kade in Wolfsburg. Etwas überrascht, durchaus positiv allerdings- denn es fahren fast keine Schiffe, wir können uns den Platz aussuchen, halten uns selbstverständlich an die Regel, dass wir uns ganz ans Ende der Kade legen, damit die Berufsschiffe nicht behindert werden. Die Sache ist nämlich in Deutschland nicht ganz einfach. Für Sportboote gibt es am Ende und am Anfang der Berufskade abgeschrägte Abschnitte, an denen sie sich hinlegen müssen. Wir gelten, weil nicht Berufsschiff, ebenfalls als Sportboot. Mit dem Unterschied allerdings, dass wir ein grosses Sportboot sind und die dürfen da nun wiederum nicht hin, sondern müssen an der geraden Berufskade anlegen. Und da nicht irgendwohin, sondern eben an die Enden der Kaden. Alles klar?

Wir machen hier zwei Tage Pause, um Wäsche zu machen, einzukaufen. Klar besuchen wir die VW Autostadt wieder. Weil es heiss und drückend ist, halten wir uns vor allem im Park auf, der mit seinen Bäumen und Wasserflächen die Hitze erträglicher macht. Der grosse Sommerbetrieb ist’s noch nicht. Viel Personal, sehr viel, steht untätig herum und langweilt sich offenkundig auch. Kann auch hart sein, mit Krawatte und Funkgerät in der Gesässtasche rumstehen und auf nichts aufpassen. Morgen geht’s in den EDEKA zum Einkaufen, meiner Lieblingsbeschäftigung...

 

 

Architektur und gestaltete Parklandschaft in der Autostadt Wolfsburg. Die perfekte Inszenierung! Selbst wenn man kein Autofreak ist, kann man sich hier begeistern.

 

Dienstag, 30. Mai

Was berichtet man, wenn es wirklich nichts zu berichten gibt? Na ja, wir mussten fast zwei Stunden warten vor der Schleuse Sülfelde. Weil uns ein erstes hartes Gewitter grad hier erwischt, können wir dem auch Positives abgewinnen. Die Blitze zucken wild um uns herum, gottseidank muss keiner von uns draussen sein jetzt. Würde ich ein Foto der Situation veröffentlichen, sähen wir- Grau!

 

Mittwoch, 31. Mai

Mittellandkanal, seit drei Tagen. Bei der Fahrt vorbei am Hafen Hannover sehen wir die T’MAJEUR, ein wunderschönes Schiff aus Holland, das mit vier anderen historischen Holländer-Schiffen zum Museumshafen in Berlin unterwegs ist. Ein kurzer Moment, der schnell vorbeihuscht und Vergangenheit wird (darum hat es nicht gereicht zum Fotografieren).

 

Industriehaven Hannover. Technik kann sehr ästhetisch sein